Wo das Arbeitsamt "Agentur" und die Erwerbslosen Kunden heißen: Besuch bei Arbeitsvermittlern in Halle.
Halle - Herr Krause findet das Modell der Zukunft noch verwirrend. "Früher habe ich mich hier besser zurechtgefunden", sagt der arbeitslose Schlosser. Früher, das war, als die Arbeitsagentur in Halle noch das Amt war, in dem man eine Nummer zog und dann, manchmal stundenlang, auf ein wenige Minuten dauerndes Gespräch mit einem häufig überforderten Vermittler wartete. Heute gibt es hier keine Nummernautomaten und kein anonymes Warten mehr. Dafür gibt es einen modernen Empfang mit acht Servicecountern, es gibt ein Callcenter, das den ganzen Tag besetzt ist, und so genannte Eingangszonen, wo Berater "Arbeitspakete zur Vorbereitung des Vermittlungsgespräches" verteilen. Gespräche mit einem Arbeitsvermittler gibt es nur noch nach Vereinbarung.
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Was viele Betroffene zunächst verwirrt, ist ein wichtiger Stein im Reformkonzept der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Als eine von bundesweit zehn Modellagenturen nennt sich die Arbeitsagentur in Halle seit drei Monaten Kundenzentrum der Zukunft, kurz KUZ. Hinter diesem Label steht das große Ziel, Arbeitslose schneller in passende Jobs zu vermitteln.
Die Vermittler in den Agenturen sollen sich wieder auf ihre Hauptaufgabe, das Vermitteln, konzentrieren - und nicht mehr vorwiegend mit dem Verwalten der Arbeitslosigkeit, dem Stempeln und Ausfüllen von Anträgen, beschäftigt sein. Deshalb fangen Mitarbeiter im Callcenter alle Anfragen ab, die sich auch telefonisch klären lassen, deshalb muss jeder Arbeitslose einen Fragebogen zu seinem beruflichen Werdegang ausfüllen, bevor er einen Termin bei seinem persönlichen Vermittler bekommt. Liegen die Antworten zwei Tage vor dem Gespräch nicht vor, wird der Termin abgesagt - auch das steckt hinter dem Motto "fordern und fördern", mit dem die Bundesregierung ihre Arbeitsmarktreformen überschrieben hat.
"Ein gewaltiger Schritt"
Sabine Edner, Leiterin der Arbeitsagentur in Halle, zieht nach drei Monaten Testphase eine positive Bilanz. Vor der Einrichtung des KUZ habe jeder Arbeitslose pro Besuch der Agentur im Schnitt 32 Minuten Wartezeit einkalkulieren müssen. Diese sei auf 21 Minuten gesunken. "Innerhalb von einem Vierteljahr ist das ein gewaltiger Schritt", sagt Edner.
Eine Umfrage unter den Kunden, wie die Arbeitslosen hier heißen, habe ergeben, dass deren Zufriedenheit um 23 Prozent gestiegen sei. Noch wichtiger: In der Hallenser Vermittlungsstatistik lässt sich für die vergangenen Monate ein leicht positiver Trend ablesen. So vermittelte die Agentur im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres 11.500 Menschen in einen Job auf den ersten Arbeitsmarkt; im gleichen Zeitraum dieses Jahres waren es 13.000.
Bei den Mitarbeitern stößt das KUZ auf ein positives Echo. "Ich weiß jetzt vorher, wen ich gleich vor mir habe und kann mir mehr Zeit nehmen als früher. Der Druck ist nicht mehr so stark", sagt Vermittlerin Sandra Schüttler. Früher hatte sie für ein Gespräch mit einem Betroffenen fünf bis sieben Minuten Zeit, dazwischen klopfte es an der Tür und es klingelte das Telefon. Heute wird schon bei der Terminvergabe, die an das Callcenter ausgelagert ist, darauf Rücksicht genommen, wie viel Hilfe ein Arbeitsloser braucht: Handelt es sich um einen gut vermittelbaren "Marktkunden", reichen meistens 15 Minuten Gespräch, für einen schwer vermittelbaren "Betreuungskunden" nehmen sich die Vermittler dagegen 45 Minuten Zeit.
Problematisch bleibt, dass auf einen Vermittler zu viele Arbeitslose kommen. Schüttler betreut etwa 600 Kunden. Im Vergleich zu früher, als es 750 bis 900 waren, ist das zwar ein Fortschritt. Von dem von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement angepeilten Ziel, dass einem Vermittler in Zukunft 75 Arbeitsuchende zugeordnet sein sollen, ist es freilich weit entfernt. Wie man dies je erreichen soll, kann hier auch niemand beantworten, denn mit zusätzlichem Personal können die Arbeitsagenturen nicht rechnen. Auch in anderer Hinsicht macht sich in Halle, wo die Arbeitslosenquote 19,5 Prozent beträgt, niemand Illusionen. "Wir können mit dem KUZ die Arbeitslosigkeit nicht beseitigen. Jobs entstehen in den Unternehmen, wir können nur helfen, sie besser zu besetzen", sagt Edner.
Auch das wäre für die Bundesagentur für Arbeit aber schon ein Erfolg. Wenn die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit in Deutschland um eine Woche sinkt, würde das eine Ersparnis von etwa einer Milliarde Euro bringen, rechnen Experten vor. Am Nürnberger Sitz der BA stimmen die Ergebnisse aller Modellagenturen, die zum Beispiel auch noch in Mainz, Bremerhaven, Essen und Schwerin zu finden sind, deshalb hoffnungsfroh. Danach ist die für Vermittlungstätigkeiten verfügbare Zeit in allen zehn Agenturen um 13 Prozent gestiegen. Die Zufriedenheit der Arbeitgeber sowie der Arbeitslosen habe zugenommen.
Schwieriger Wandel
Trotz dieser positiven Erfahrungen wird die Umstellung der 170 Arbeitsagenturen, die noch nicht nach dem KUZ-Konzept arbeiten, länger dauern als geplant. Ursprünglich sollte dieser Kraft-akt bis Ende dieses Jahres bewältigt sein. Weil die BA und ihre Zweigstellen derzeit aber genug damit zu tun haben, sich auf die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu dem neuen Arbeitslosengeld II Anfang nächsten Jahres vorzubereiten, wurde der Termin auf Ende 2005 verschoben. So hat es der Verwaltungsrat der BA am Mittwoch beschlossen.
Sabine Edner hält das für einen richtigen Entschluss. Sie ist überzeugt, dass der gleichzeitige Wandel zum Kundenzentrum der Zukunft und die Umsetzung der Hartz-IV-Reform Arbeitslosen und Mitarbeiter hoffnungslos überfordern würde.
(SZ vom 15.7.2004)
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