Rundgang durch die Zukunft. Im zweiten Stock des Pekinger Zentrallabors liegt das Usability Lab - das ,,Tauglichkeitslabor'', ein Raum mit einem fünfeckigen Konferenztisch in der Mitte. An den Wänden hängen Kameras. Hinter einem großen Wandspiegel liegt ein kleinerer Nebenraum. Von hier kann man durch den Spiegel blicken und die Menschen am Konferenztisch unbemerkt beobachten - wie bei einem Polizeiverhör im Kino. ,,Hier untersuchen wir unsere Produkte auf ihre Anwendbarkeit'', sagt Hsu. Kunden, Testgruppen, Probanden werden zu Diskussionsrunden und Versuchen eingeladen. Die Wissenschaftler hinter der Spiegelwand protokollieren die Ergebnisse und suchen anschließend nach Verbesserungsmöglichkeiten.
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Kürzlich wurde ein in Deutschland entwickeltes Navigationssystem von Siemens untersucht. Der Zielort musste über ein Steuerrädchen und ein Alphabet auf dem Display eingegeben werden. Manche Probanden brauchten länger als zehn Minuten, um den richtigen Ort zu finden. ,,Die Chinesen benutzen kein Alphabet'', sagt Hsu. Es gibt mehr als 50000 Schriftzeichen. ,,Das deutsche System ist hier völlig unbrauchbar.'' Seine Stimme klingt leicht erbost. Hsus Mitarbeiter arbeiten nun an einer besseren Methode. Chinesische Autofahrer sollen die Schriftzeichen künftig mit dem Zeigefinger direkt auf das Display malen können.
Ein Stockwerk tiefer sitzt ein Mann im dicken Wintermantel an einem Schreibtisch, zurückgezogen in einer der hinteren Ecken des Großraumbüros. Er ist anders als die meisten Mitarbeiter, das sieht man gleich, deutlich älter, er wirkt besonnener. ,,Doktor Xu Yuanjing, unser Arzt für Traditionelle Chinesische Medizin'', sagt Hsu. Xu fungiert wie ein Verbindungsmann zwischen den alten Weisheiten der chinesischen Kultur und Heilkunde und der modernen westlichen Medizin. Er soll etwas ganz Neues versuchen. ,,Es gibt 361 Akupunkturpunkte im menschlichen Körper'', sagt er und bewegt mit der Maus eine anatomische Zeichnung über den Bildschirm seines Computers. Punkte leuchten auf, verbinden sich zu senkrechten Linien. ,,Die 14 Meridiane'', erläutert Xu.
Traditionelle Medizin spielt in China noch immer eine wichtige Rolle. Auch im Rest der Welt steigt das Interesse. Seit einem Jahr arbeitet Xu inzwischen für Siemens. Mit seinem Team entwickelt er ein computergestütztes Analyseverfahren nach den Regeln der Traditionellen Medizin. Irgendwann könnte daraus ein Apparat für automatische Akupunkturbehandlungen werden. Statt Nadeln könnte man Strahlen einsetzen. Wenn die Idee funktioniert, würde sich auch in der Schmerztherapie für Krebspatienten eine neue Dimension öffnen. Siemens könnte Xus Erfindung auf der ganzen Welt vermarkten.
Im Siemens-Labor - in allen westlichen Forschungszentren Chinas - geht es längst um viel mehr als den chinesischen Markt. In China wird für die ganze Welt geforscht. Widerwillig und erst auf Drängen der Pekinger Regierung hat Nokia vor wenigen Jahren sein Pekinger Labor eröffnet. Inzwischen findet dort 40 Prozent der gesamten Nokia-Forschung statt. Das liegt nicht nur an den Millionen qualifizierten Experten und Universitätsabsolventen. Es liegt auch an China selbst. ,,Hier ist der ideale Markt, um neue Technologien auszuprobieren'', sagt Hsu. In keinem anderen Land passierten Veränderungen so schnell. Chinesen seien offener, neugieriger. ,,Eigentlich begreife ich selbst gar nicht, warum'', sagt Hsu. Vielleicht Nachholbedarf, weil das Land so lange abgeschottet war? Vielleicht.
Wenn China auch besser forschen kann - was bleibt dann noch dem Westen? ,,Man kann die Globalisierung nicht anhalten'', sagt Hsu. ,,Es gibt nur noch ein sehr enges Fenster, 15 Jahre noch. Vor ein paar Jahren haben alle über chinesische Firmen gelacht. Die sind jetzt unsere neuen Wettbewerber. Globalisierung ist eine Chance und auch eine Bedrohung.''
Nicht immer wird der Kampf um Marktanteile mit fairen Mitteln ausgetragen. In einem gläsernen Aquarium am Ende des Verwaltungstraktes liegt das Büro von Kai Brandt, entsandt von der Münchner Firmenzentrale. Das Büro ist leer, es ist still, Brandt ist in Urlaub. Doch normalerweise kümmert sich der Jurist mit seinem 20-köpfigen Team um den rechtlichen Schutz der Neuentwicklungen und um die Verfolgung von Produktfälschern. Der Schutz der Markenrechte ist eines der größten Probleme auf dem chinesischen Markt. Viele Firmen lassen die USB-Steckplätze aus ihren Computern ausbauen, um Innovationsdiebstahl zu verhindern. Weil die Fälscher in kürzester Zeit jedes neue Produkt nachbauen, verzichten viele chinesische Firmen ganz auf eigene Forschung. Nur 0,03 Prozent der chinesischen Unternehmen verfügen über eine eigene Schlüsseltechnologie. 99 Prozent haben noch nie ein Patent beantragt, besagt eine Statistik des Pekinger Patentamtes. Noch vor geraumer Zeit war die Situation in Japan und Korea nicht anders. Heute gehören beide Länder zur Forschungsweltspitze.
Am Eingang hängt ein Plakat. Darauf eine Berglandschaft, man kann die Große Mauer erkennen. Wo sonst der Himmel ist, sind hier quadratische Felder und Spielfiguren aus dem chinesischen Schach: Wagen, Pferd, Kanone. Unten der grüne Siemens-Schriftzug. Herr Hsu versucht geduldig, die Symbolik der Wandverzierung zu erklären. Es geht um irgendeine Taktik, so viel wird klar. Mehr aber auch nicht. Vielleicht können westlich geprägte Menschen die komplexe Gedankenwelt der Chinesen nicht vollständig verstehen. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: China ist anders. Wer hier Erfolg haben will, muss das Land verstehen - und die Produkte anbieten, die zu diesem komplizierten Markt passen. Das könnte für viele Weltfirmen schon bald zu einer Überlebensfrage werden. Da ist Hsu sich sicher.
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(SZ vom 26.1.2007)
Wettmanipulation im Fußball