Erst die Produktion, jetzt die Entwicklung. Deutsche Konzerne zieht es nach Asien. Steht Deutschland vor dem technischen Knockout?
Niemand trägt weiße Kittel. Es gibt keine Reagenzgläser. Kein Knallen, kein kreatives Schaltkreisdurcheinander auf dem Fußboden - graue Schreibtische stehen in quadratischen Waben, Ordnung. Nichts ist so, wie man es sich in einem Forschungszentrum vorstellt. ,,Heutzutage passiert das meiste am Bildschirm'', sagt Arding Hsu, dessen Besucher sich oft darüber wundern. Hsu ist der Chef des zentralen Siemens-Forschungszentrums Corporate Technology in Peking. Im Oktober eröffnete der Münchner Konzern sein Labor in der chinesischen Hauptstadt - die größte Forschungseinrichtung des Unternehmens in Asien.
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80 Millionen Euro will Siemens bis zum Jahr 2010 in seine Forschungsstandorte Peking und Schanghai investieren. 300 Wissenschaftler sollen die Bereiche Umwelt-, Energie-, Gesundheit- und Automatisierungstechnologie erkunden. Siemens ist nicht allein: Fast jede Woche verkündet derzeit ein neuer westlicher Konzern die Eröffnung von Labors, Design- oder Entwicklungszentren in China.
Die Pharmakonzerne Novartis und AstraZeneca haben kürzlich angekündigt, jeweils 100 Millionen Dollar in den Aufbau ihrer Forschungskapazitäten in Schanghai zu investieren. Google, Motorola, DowChemical, SAP, Ebay, Sony und viele andere sind schon da.
Nach Statistiken des Pekinger Handelsministeriums waren Anfang vergangenen Jahres 750 ausländische Forschungseinrichtungen in China registriert. In nur zwei Jahren hatte sich die Zahl verdoppelt. Ganze Stadtteile bevölkern die Forscher inzwischen in Peking und Schanghai. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton werden bis 2009 drei Viertel aller neuen Forschungszentren in Indien und China eröffnet werden. Auch die Pekinger Regierung plant im großen Stil: Die Forschungsgelder der Regierung sollen bis zum Jahr 2020 auf 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung anwachsen - etwa 115 Milliarden Dollar. ,,China wird schon bald zum wichtigsten Forschungsland der Welt'', sagt Hsu. Es klingt wie eine unumstrittene Tatsache.
Der Nachmittag ist fast vorbei. Vor dem Fenster hinter dem Besprechungstisch in Hsus Büro versinkt die Sonne hinter einer Smogwand. Herr Hsu wirkt entspannt. Er trinkt einen Schluck aus einem Wasserglas, in dem lose grüne Blätter schwimmen. Hsu ist 54 Jahre alt. Er trägt eine Digitaluhr mit Plastikarmband, kurze schwarze Haare, die emporstehen, als seien sie elektrisch geladen. Wache Augen blicken durch seine feine Brille, randlos; ein hellblaues Hemd ohne Schlips. Eigentlich sieht Hsu genau so aus, wie man sich in Deutschland einen chinesischen Wissenschaftler vorstellt. Doch sein Lebenslauf ist komplizierter.
Hsu wurde in Hongkong geboren, als Sohn chinesischer Einwanderer. Später zog die Familie nach Taiwan, wo er den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Zum Studium ging er in die USA, wurde dort im Fach Informatik promoviert. Damals war das noch eine Randgruppenwissenschaft. Seit 22 Jahren arbeitet Hsu inzwischen für Siemens, in den USA leitete er zuletzt ein Forschungszentrum im Silicon Valley. Dann ging er im November 2004 nach China. Er mochte das Essen, doch die Volksrepublik war für ihn damals ein sehr fremdes Land. Er sagt: ,,Eigentlich bin ich mehr westlich als chinesisch.'' Doch Hsu fühlte: China ist der Ort, wo man etwas verändern kann. Es sind große Bilder, die er über dem Besprechungstisch entwirft. Die Zukunft - um nichts Geringeres geht es hier, ,,bald schon wird in China darüber entschieden''. Man bekommt eine leichte Gänsehaut, wenn man mit ihm spricht.
Jahrelang hat Siemens im Westen geforscht und in China verkauft - so machten das alle. Irgendwann gründete der Konzern einfache Fabriken mit billigen Fließbandarbeitern, aber die Designs und Baupläne kamen noch immer aus dem Ausland. Siemens genießt in China einen hervorragenden Ruf. Doch viele Produkte passen nicht mehr zu den immer komplexeren Anforderungen des chinesischen Marktes. Hsu würde das so sicher nicht sagen, aber eigentlich ist es seine Aufgabe, für Siemens endlich die Produkte zu erfinden, die sich in China verkaufen lassen.
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