Fachkräfte fehlen, klagen die Arbeitgeber. Dabei sind sie selbst schuld daran.
Unternehmen, die neue Mitarbeiter suchen, jammern oft über ihre Bewerber. Mal sind es zu viele, so dass man sich gezwungen sieht, die Bewerbungsmappen in Waschkörben zu stapeln. Mal sind sie ungeeignet, so dass man trotz vieler Interessenten offene Stellen leider unbesetzt lassen muss. Oder aber sie sind zu rar: Es gibt zu wenige Bewerber. In diesem Stadium befinden sich die Arbeitgeber angeblich zurzeit. Schon warnen sie vor einem bevorstehenden Fachkräftemangel.
Ein angehender Industriemechaniker am "Tag des Ausbildungsplatzes", der jährlich stattfindet. An diesem Tag gehen die Arbeitsagenturen in Unternehmen und werben für Lehrstellen. In diesem Jahr wurden so fast 17.000 zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen. (© Foto: dpa)
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"Moment mal!", staunt da der Beobachter. Wie kann das sein: Gestern noch zu viel, heute schon zu wenig. Sind all die Jobsuchenden und wechselwilligen Fachkräfte denn alle schon wieder untergekommen? Nein, das belegen ja allein die monatlichen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein Massenphänomen.
Nun kann man gewiss nicht jedes Unternehmen mit diesem Hinweis zur nächsten Arbeitsagentur schicken. Es gibt Berufe und Branchen, in denen ist es schon seit einer Weile schwierig, qualifizierte Spezialisten zu rekrutieren - für manche Ingenieurs- und IT-Berufe trifft das zu.
Abgelehnt
Und doch machen es sich die Arbeitgeber zu einfach, wenn sie jetzt nach der nächsten Greencard-Regelung rufen. Da soll der Zuzug aus dem Ausland richten, was man selbst verbockt hat. Denn eines müssen sie sich vorwerfen lassen: zu kurzfristiges Denken.
Da gibt es Konzerne, die entlassen reihenweise qualifiziertes Personal, um wenig später "händeringend" nach Bewerbern Ausschau zu halten. Da gibt es Unternehmen, die sortieren alle Interessenten aus, die nicht exakt aufs Profil passen. Beispielsweise wird dann einem Architekten, der sich umorientieren will, nicht zugetraut, Fertighäuser zu verkaufen.
"Quereinstieg", das ist in Deutschland noch die Ausnahme. Zu der "Flexibilität", die von den Beschäftigten gerne gefordert wird, sind die Unternehmen in Personalangelegenheiten selbst partout nicht bereit. Dabei geht es gar nicht darum, eine Sekretärin auf den vakanten Posten eines Fahrzeug-Ingenieurs zu setzen. Es gibt genügend Positionen, in denen man sich die notwendigen Fertigkeiten schnell aneignen kann - selbst wenn man zuvor etwas ganz anderes gemacht haben sollte.
Auch bei der Investition in die eigenen Mitarbeiter halten sich die Betriebe viel zu sehr zurück. Seit Jahren werden die Weiterbildungs-Etats heruntergeschraubt. "Lebenslanges Lernen" wird zwar von Arbeitgeber-Seite lauthals gefordert, ist aber offenbar Privat-Sache der Beschäftigten.
Keine Chance
Doch den gravierendsten Fehler, den Unternehmen begehen, ist es den Nachwuchs zu vernachlässigen. Davon zeugt seit Jahren die Lehrstellen-Lücke. Es gibt viel zu wenige Ausbildungsplätze. Selbst wenn die Angebote in diesem Jahr offenbar zunehmen: Noch immer warten hunderttausende junge Menschen in staatlich geförderten Überbrückungsmaßnahmen darauf, ins Berufsleben starten zu dürfen.
An dieser Stelle kommt häufig der Einwand, dass viele Schulabgänger unqualifiziert seien, man sie gar nicht ausbilden könnte. Das stimmt leider zum Teil, und doch reicht es nicht, es bei der Klage zu belassen oder die Schuld den Schulen zu geben. Stattdessen ist Engagement gefordert. Es gibt Unternehmen, die Initiative ergreifen und selbst in die Schulen gehen, um den Schülern Praxiskenntnisse zu vermitteln und Perspektiven aufzuzeigen.
Auch manche IT-Firmen engagieren sich: Sie versuchen an den Schulen mehr Interesse für technische Fächer zu wecken. Sie hoffen, dass sich das später bei der Studienentscheidung der jungen Leute auszahlt und sich mehr Erstsemester für ein ingenieur- oder naturwissenschaftliches Fach entscheiden.
Ein solcher Einsatz zahlt sich nicht gleich morgen aus, aber er zeigt, wie sich mit dem Phänomen "Fachkräftemangel" auch umgehen lässt: aktiv und nach vorne schauend. Nur wer wirklich alles selbst versucht hat, hat ein Recht zu jammern.
(sueddeutsche.de)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Du sprichst mir aus der Seele. Viel zu viele Betriebswirte haben viel zu viel zu sagen. Da werden z.B. bei MTU Ingenieure sozialverträglich abgebaut, d.h. mit Prämien vorzeitig in Ruhestand geschickt, und wenn zwei Jahre später die Auftragsbücher überquellen, fällt urplötzlich auf, dass ein frisch-gebackener Hochschulabsolvent unmöglich kurzfristig das Know-How erwerben kann, das ein altgedienter Ingenieur in 25 Jahren Praxis erworben hat; und dann bietet man den kürzlich "abgebauten" Ingenieuren Prämien für den Wiedereinstieg an. In der chemischen Industrie wurde lauthals verkündet, auf den Arbeitsmarkt drängende Ingenieure seien selber schuld, wenn sie arbeitslos würden, sie hätten halt am Bedarf vorbeistudiert, und ein paar Jahre später beklagt man die geringe Zahl an Ingenieurstudenten, welche darauf zurückzuführen sei, daß die Schulabgänger so technikfeindlich seien. Schildbürgerstreiche allenthalben, und dann rennt man noch jedem Management-Trend aus den USA hinterher, den man noch nichtmal richtig verstanden hat.
Meiner Ansicht nach ist es auch ein Problem, dass jeder kleine Unternehmer sich für den Mittelpunkt des Universums hält. Wenn ich mir die Anforderungsprofile in den Zeitungen ansehe, wird mir ganz anders. Da wird jeder Außendienstler zum "Key-Account-Manager". Da muss natürlich das Anforderungsprofil der hochgeschraubten "Dienstbezeichnung" angepaßt werden. Ohne Studium geht nix. Vorher hieß es Kundenberater und diese Stellen wurden auch nach Einarbeitung an Quereinsteiger ohne Studium vergeben. Flexibilität wird gefordert, selten gezeigt. Drei abgeschlossene Berufsausbildungen sind nicht etwa von Vorteil, sondern zeigen den "Spezialisten" in den Chefetagen einen ungeordneten Lebensweg. Viele Entscheidungsträger, deren Absagen auf Bewerbungen von Tipp- und Rechtschreibfehlern wimmeln, erwarten "gute bis sehr gute Deutsch- und Englischkenntnisse." Nach dem Motto - Einer im Betrieb sollte die Sprache beherrschen. Auch das Argument der "überqualifizierung"! Ein Unwort an sich. Anstatt es dem Bewerber zu überlassen, ob er sich wegen der angespannten Arbeitsmarktlage mit einer Stelle anfreundet, die nicht seiner Qualifikation entspricht, um sich hochzuarbeiten, wird er von vorn herein abgelehnt, weil diese Tätigkeit ihn nicht ausreichend fordert. Blödsinn! Mit Hartz IV vor Augen fordert einen jede Tätigkeit ausreichend, zumindest die, um die ich mich selbst beworben habe. 55jährige "Einsteller" stellen keine 40jährige mehr ein, weil sie zu alt sind und den Ansprüchen nicht mehr genügen. Merken die eigentlich noch, dass sie damit selbst in Frage stellen?
Das Kernproblem ist die Inflexibilität deutscher Unternehmen, insbesondere der Personalabteilungen. Es wird Seiteneinsteigern der Einstieg in eine neue Branche nahezu unmöglich gemacht. Warum soll z.B. ein Ingenieur nicht bei einer Versicherung oder Bank arbeiten können. Allein die Mathematischen Kenntnisse der Ingeniere liegen weit über denen viele Kaufleute, ein Seiteneinsieg wird hier nicht ermöglicht. Auch in Ingenieurs-Berufsfeldern selbst werden Neupositionierungen von Elektrotechnik nach Maschinenbau oder umgekehrt nicht ermöglicht. Mit Training der Mitarbeiter ließe sich das Fachwissen oft ergänzen. Die Unternehmen verbleiben jedoch in Ihrem klein karierten Raster des Anspruchs, des sehr realitätsfremd, super passenden Mitarbeiters. Nach Möglichkeit sollte der MA sehr jung und billig, und ohne Frage gut ausgebildet sein. Eine Bereitschaft der Unternehmen selbst in die MA zu investieren geht in Deutschland gegen Null. Das passt alles nicht zusammen.
Für einen guten MA muss auch gutes Geld bezahlt werden, oder man investiert in seine Ausbildung.
Die qualifizierten Arbeitnehmer haben sich weitgehend auf die Globalisierung gut vorbereitet, und wandern schlicht ins Ausland ab, wo Sie bessere Konditionen, sowohl vom Gehalt aus auch über geringere Steuern bekommen.
Die Unternehmen, zumindest in Deutschland, hinken hinterher.
Darüber hinaus Lügt die Industrie mit dem Bedarf der Ingenieren den Medien was vor. Es wurden sehr viele Ingeniere bei SIEMENS, BenQ, Deutsche Telekom, Autozulieferern, Elektrolux etc. entlassen. Und jetzt sollen diese auf einmal rar sein. Wer es glaubt ?
allerdings ist dies nicht erst seit heute oder letztem Jahr so, sondern diese "Situation" begann bereits Anfang der 90er Jahre sich in die Arbeitswelt einzubürgern.
Dem Vorkommentator "exi" schliesse ich mich weitgehend an, decken sich die Beschreibungen doch sehr mit meinen eigenen Erfahrungen.
In meinen Jahren bei einem Konzern hatte ich selbst sehr oft die arrogante Willkür betriebswirtschaftlich verbildeter Personalentscheider miterlebt und die dümmlich-hanebüchene Absagekultur dieser Leute intern scharf kritisiert.
Denn z.B. einen Bewerber abzulehnen, der in allen Belangen passt, nur bei einem bestimmten Softwaretool noch keine Kenntnisse aufweist (dies hätte durch einen zweitägigen Kurs spielend behoben werden können, der nicht mehr als 700.- gekostet hätte) mit der Begründung (offiziell in der Absage) "er passe leider nicht in das Profil", intern jedoch ging jedoch die Rede "....is doch egal, es liegen tausende auf der Straße, da finden wir schon einen billigen, der passt...." da kommt mir der Kaffee hoch!
Im Grunde kann ich solchen Unternehmen nur gehässigst wünschen, an ihrem Mißmanagemenet kaputt zu gehen, was durchaus passiert.
Ungenügende Personalplanung und Personalbedarfsplanung sind die Achillesfersen
der derzeit so hippen "Hire- und Fire" neoliberal-marktfundamentalistisch-globalistischen
"Marktwirtschaft".
Dies kommt davon, wenn sich Firmen von betriebswirtschaftlich-verbildeten prozessoptimierten Fachidis ins Bockshorn jagen lassen, deren Weltbild
in ein 19-zölliges Rechteck passt.
ohne Namen zu nennen (seufz) muß man darauf hinweisen, daß die 5 großen Kooperationspartner der ARGE (zumindest einer davon - aber die sind sich alle irgendwie ähnlich) eine riesige Schizophrenie vorleben. Vor laufender Kamera heulen sie Krokodilstränen, weil sie 'händeringend' Ingenieure suchen. Hinter der Kamera scheuchen sie sich bewerbende Ingenieure 'händefuchtelnd' davon. Und sobald jemand als Langzeitarbeitsloser gilt (nach einem Jahr) lassen sie sich die Menschen mit Druck des Amtes zuweisen. Wobei mindestens eines der Unternehmen einen (Möchtegern-)Tarifvertrag vorschiebt, in dem erklärt wird, dass Zeugnisse, Diplome, Lebens- und Berufsleistungen nichts gelten und keine Honorierung erfahren. Weder in finanzieller Hinsicht, noch dahingehend womit ein Zugewiesener beschäftigt wird.
Und das heißt: dieses spezielle Leihunternehmen (vermutlich auch die anderen) sucht verzweifelt nach Fachleuten und Spezialisten; findet aber keine, weil jeder Fachmensch und Spezialist unbesehen als ungelernter Nichtsnutz klassifiziert wird. Weil jede Urkunde, jede Leistung, unbesehen zur Nichtigkeit erklärt wird.
Aber praktisch geht es den 5 großen Leihunternehmen auch nicht darum Fachleute zu finden. Praktisch geht es darum Mitleid in der Öffentlichkeit zu erwecken. Mitleid dafür, daß man Menschen die nichts wert zu sein haben immerhin mit 60% des Bundestarifs mißbraucht.
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