Arbeitsmarkt Sie sind zu unflexibel

Sie sollen agil, flexibel, stets erreichbar sein: Für Arbeitnehmer werden andauernde Changeprozesse schnell zur Überforderung. Hat das auch die Designer von Seletti inspiriert?

(Foto: Getty Images)

Firmen beschäftigen ihre Mitarbeiter nur noch nach Bedarf, gerne auch nach Feierabend. Das hätte Vorteile - wenn die Arbeitgeber ebenso anpassungsfähig wären.

Von Alexander Hagelüken

Als der junge Mann einem neuen "Team für Qualität" zugeteilt wird, ist er total begeistert. Endlich eigenverantwortlicher arbeiten! Er will für die Konzerntochter den Europäischen Qualitätspreis gewinnen - und schuftet unter starkem Zeitdruck bis zur Erschöpfung. Dann fusioniert seine Firma. Der neue Chef löst das Team auf, erklärt die Bewerbung um den Preis zur Zeitverplemperei - und fordert den jungen Mann auf, sich doch eine neue Aufgabe zu suchen.

Außerhalb der Firma.

Was der Managementcoach Axel Koch da aus dem wahren Berufsleben erzählt, das illustriert ganz gut, was gerade in deutschen Unternehmen los ist: Sie suchen mit Hochdruck nach neuen Wegen. Die Beschäftigten sollen in Teams hierarchiefreier werkeln, eingefahrene Denkmuster sprengen. Und dadurch kreativer, schneller und kundennäher werden.

A wie Ausbeutung

Wenn Unternehmen die Arbeit digital umkrempeln, kann das für die Mitarbeiter nicht unbedingt etwas Gutes bedeuten. Von Alexander Hagelüken mehr ...

Große und kleine Betriebe in Deutschland reagieren damit, ganz klar, auf die Herausforderung durch Start-ups und US-Internetkonzerne. Sie fürchten, es könnte wahr sein, was der Ex-Manager Thomas Sattelberger behauptet. Demnach haben deutsche Firmen in den vergangenen 20 Jahren perfektioniert, per Befehlston Kosten zu drücken, während es für die digitale Ära Innovationen braucht, die nur durch Kooperation mit den Mitarbeitern entstehen. Auch an ihrem bisherigen Tempo beginnen Firmen zu zweifeln. Als Bosch Elemente für die Elektroautos von Tesla wie üblich binnen drei Jahren entwickeln wollte, kam aus Kalifornien die Ansage: Lieferung in neun Monaten.

Agilität ist eines der neuen Schlagwörter in der Arbeitswelt. Was bedeutet es eigentlich?

Eines der Zauberworte, nach denen deutsche Unternehmen sich neu ordnen, heißt Agilität. Da sollen Wissenstransfers Abteilungswagenburgen öffnen, Produkte in gemischten Teams entstehen und Projektleiter vom Befehlshaber zum Moderator mutieren. Und die Beschäftigen? Für sie wirkt sich das ganz unterschiedlich aus. Vielleicht reden sie mehr mit, statt nur Routinen zu befolgen und Ideen beim Chef versacken zu sehen. Dann entdecken sie mehr Sinn in dem Beruf, dem sie einen Gutteil ihres Tages reservieren. Und mehr Erfolg ihrer Firma schadet ja auch nicht.

Vielleicht bekommen sie durch die neuen Methoden aber nur mehr Ergebnisdruck, ohne über ein zentrales Kennzeichen ihrer Tätigkeit mitreden zu dürfen: die Arbeitsbedingungen. Und womöglich werden sie in einer Kaskade von ChangeProzessen verheizt wie der junge Mann, der einst für sein Qualitätsteam brannte. Für Beschäftigte kann sich Agilität zu positiven oder negativen Extremen auswachsen. Sie werden frei wie ein Vogel - oder vogelfrei, also zu rechtlosen Subjekten, so wie es Gerichte in früheren Jahrhunderten definierten.