Steigende soziale Unruhe

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Die Strukturreformen innerhalb Chinas und nun die Auswirkungen der Finanzkrise sind ein Hintergrund für diese immer zahlreicheren örtlichen Unruhen. Doch die Radikalität der Emotionen, die Heftigkeit der Auseinandersetzungen erklärt sich oft aus ähnlichen Lebenserfahrungen, wie sie auch für unter 30-jährige IT-Ingenieure in Peking typisch sind: Die Leute haben selbst nie wirklich schlechten Zeiten erlebt. "Ich glaube, wir haben noch nicht einmal begonnen, den wirklichen Einfluss der globalen Finanzkrise auf China zu erkennen. Ich wäre sehr überrascht, wenn die chinesische Regierung nicht sehr besorgt wäre über den steigenden Pegel an sozialer Unruhe im Land", sagt Joshua Rosenzweig von der Menschenrechtsorganisation Dui Hua in Hongkong.

Besorgt ist die chinesische Führung in der Tat. Das lässt sich indirekt an der Schnelligkeit ablesen, mit der sie auf die einsetzende Krise reagiert hat. "Ich gebe der chinesischen Regierung gute Noten für ihr Krisenmanagement. China war das erste Land, das seit Beginn der globalen Krise mit einem großen Konjunkturpaket von vier Billionen Yuan (rund 460 Milliarden Euro) reagiert hat, um den Verbrauch zu stimulieren", sagt der Ökonom Hu Angang von der angesehenen Qinghua-Universität. Sein Wort hat Gewicht, er hat schon oft bewiesen, dass er auch den Mut zur Kritik an der kommunistischen Führung besitzt. An diesem Mittwoch senkte Chinas Zentralbank zudem erneut den Leitzins, zum vierten Mal seit Mitte September.

Keine verlässlichen Arbeitslosenzahlen

Auch an den öffentlichen Äußerungen chinesischer Politiker ist erkennbar, dass sie die Krise erkannt haben. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei "düster", warnte Arbeitsminister Yin Weimin vergangene Woche, und das Schlimmste komme möglicherweise erst noch. Verlässliche Arbeitslosenzahlen gibt es in China nicht, auch weil viele der Millionen von Wanderarbeitern nicht registriert sind, die nun als erste entlassen werden und oft einfach in ihre Heimatdörfer zurückkehren. Viele dieser Bauernsöhne und -töchter sind jung, auch für sie ist Arbeitslosigkeit etwas Neues.

Chinas 20- bis 30-Jährige, bislang eine der konsumfreudigsten Gruppen, entdecken nun das Sparen. Die von einem gewissen Guo Menhao im Internet propagierte "100-Yuan-Woche", also das Leben mit weniger als zehn Euro pro Woche, ist binnen kurzer Zeit zu einer Massenbewegung geworden. Andere junge Chinesen veröffentlichen im Internet ihre Lebenshaltungskosten, etwa die Ausgaben für eine Flasche Wasser am Kiosk, um dann von anderen Nutzern Tipps zum Sparen zu bekommen.

Begehrte Beamtenjobs

Auch für die sechs Millionen Studenten, die in diesem Jahr in China ihren Abschluss machen und auf den Arbeitsmarkt drängen, sieht es nicht gut aus. "Immer weniger Jobs stehen für diese Abgänger zur Verfügung", schreibt die Zeitung Südliches Wochenende. Auf den großen Jobmessen ist das Gedrängel noch stärker geworden. "Studenten und Büroangestellte sorgen sich nun um ihre Zukunft auf dem Arbeitsmarkt", bestätigt sogar die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Als bei einer Firma in Shanghai kürzlich eine neue Rezeptionistin gesucht wurde, bewarben sich hunderte von Absolventen von Elite-Unis wie Fudan oder Jiatong.

Sogar Jobs als Beamte, noch vor kurzem bei den meisten Studenten eher verpönt, sind plötzlich wieder beliebt. Mehr als eine Million junger Chinesen haben sich in diesem Jahr um staatliche Stellen beworben, 200.000 mehr als im Jahr zuvor. "Noch vor einem Jahr", zitiert Xinhua eine junge Frau namens Yang Chanjuan, "hätte ich mir nicht vorstellen können, für die Regierung zu arbeiten." Jetzt denkt sie anders. "Das ist sicherer."

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(SZ vom 4.12.2008/bön)