Arbeitskultur "Deutschland tickt anders als die USA"

Fitnesstraining bei Google Canada. Ein solches Angebot fänden auch hierzulande viele sinnvoll, denn in Deutschland tut ein Büroangestellter vor allem eines: sitzen. Im Lauf seines Lebens mehr als 55 000 Stunden.

(Foto: Bloomberg)

Die Wohlfühl-Bürokonzepte aus dem Silicon Valley gehen hiesigen Unternehmen oft zu weit. Aber auch sie haben Ideen.

Von Marianne Körber

Großraumkonzepte brauchen weniger Platz, die Kosten sind daher niedriger als in herkömmlichen Büros. Doch Unternehmen, die nur aus Kostengründen auf "open space" umstellen, machen einen Denkfehler, da sind sich viele Experten inzwischen sicher. Einer von ihnen ist Martin Kleibrink, Architekt, Gründer und Geschäftsführer der Schweizer Firma Smart in Space, die sich seit 1994 mit Bürokonzepten befasst. Kleibrink wundert sich über das falsche Verständnis von Flächeneffizienz. Selbst Entscheider in den obersten Führungsetagen glaubten offenbar, dass Flächen besonders gut genutzt seien, wenn sich dort möglichst viele Mitarbeiter unterbringen ließen, betont er in einem Beitrag für die neue Broschüre des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) zum Thema "Innovative Bürokonzepte - Vom Kostenblock zum Innovationstreiber."

Flächenkosten stellten zwar meist den zweitgrößten Kostenfaktor der Unternehmen dar, im Verhältnis zu den Personalkosten handele es sich jedoch um einen eher geringen Budgetposten, meint der Fachmann. Und verweist gleich auf die Kehrseite der Medaille: Eine zu hohe Verdichtung führe in der Regel zu einer Verschlechterung der Arbeitsumgebung, beeinträchtige Motivation, Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter und habe somit einen negativen Einfluss auf das Wertschöpfungspotenzial. Doch die klassischen Belegungsszenarien mit monofunktionaler Arbeitsplatzstruktur würden heutigen und zukünftigen Anforderungen an die Büroarbeit auch nicht gerecht. In der Regel fehle es diesen Flächen an ausgewogenen Angeboten für Austausch, spontane Zusammenarbeit in wechselnden Teams und Projekten, für informelle Kommunikation, Rückzug und Entspannung.

Also braucht Deutschland Großraumbüro mit Fitnessräumen und einladenden Sofas, wie bei Google und Co? Das sei nicht so einfach, meint Thorsten Krauß, Gründer und Gesellschafter des Berliner Bauunternehmens UNDKRAUSS. In einem Beitrag zur ZIA-Broschüre betont er, die US-Unternehmenskultur sei nicht auf Deutschland übertragbar. "Die modernen Rezepte der Silicon Valley-Kultur mit einer vermeintlichen 'Wohlfühlkultur' im Büro sind in Deutschland nicht umsetzbar. Wirkliche Zufriedenheit kommt erst durch persönliche Wertschätzung und gemeinschaftlichen Erfolg", meint er. Ihn überrascht nicht, dass sich der anfängliche Hype um die Arbeitskultur bei Google, Apple & Co. mit buntem Mobiliar, Spielen im Büro oder kostenfreier Massage wieder gelegt hat. In Deutschland habe sich ein realistischer Blick auf die Kultur der Silicon-Valley-Unternehmen durchgesetzt, denn "Deutschland tickt anders als die USA". Hier habe man begriffen, dass eine allzu starke Vermischung von Berufs- und Privatleben gefährlich sei.

Krauss betont eine besondere Fürsorgepflicht von Unternehmen. Die erfülle der Arbeitgeber nur bedingt, indem er abwechslungsreiche Bürowelten schaffe oder mit diversen Zusatzangeboten den Lohn aufwerte. Das sei zwar sinnvoll, aber noch kein Ausdruck persönlicher Wertschätzung. Diese beginne erst mit Erfolgsprämien, Gewinnbeteiligungen oder ähnlichen Belohnungen für hervorragende Arbeit.

Dennoch spricht natürlich einiges für die Fitnessräume. Wissenschaftliche Studien belegten, dass eine der größten gesundheitlichen Gefahren von zu langem Sitzen in heutigen Arbeitswelten ausgehe, schreiben Carolina Welter und Sven Wingerter von der Eurocres Consulting GmbH, die seit 1995 Unternehmen in der strategischen Planung und Weiterentwicklung des Workplace Managements berät. Die heutigen Arbeitswelten seien größtenteils noch so konzipiert, dass sie so wenig körperliche Aktivität und Bewegung wie nur möglich zuließen. Muskel- und Skeletterkrankungen seien immer häufigere Ursache für Krankheitsfehltage. Der durchschnittliche Büroangestellte verbringe 80 bis 85 Prozent seiner Arbeitszeit im Sitzen, oder anders ausgedrückt, er sitze im Durchschnitt mehr als 55 000 Stunden seines Lebens im Büro.

Damit sich die Mitarbeiter mehr bewegen, dürfen sie auf ein Polster an der Wand schlagen

In vielen Arbeitswelten fehle heutzutage eine gesundheitsfördernde Infrastruktur. Höhenverstellbare Tische seien noch lange kein Standard, oft gebe es diese erst nach Vorlage eines ärztlichen Attestes. Fitnessangebote unterstützten zwar die Gesundheit, eine nachhaltige Veränderung beim Sitzverhalten finde aber nicht statt. Carolina Welter und Sven Wingerter schlagen daher "selbstanimierende Bewegungsangebote" vor. Kurze Besprechungen sollten an einem informellen Stehtresen abgehalten werden, längere an einem anderen Ort; Mitarbeiter müssten also je nach Aufgabe unterschiedliche Orte aufsuchen. Ein Bewegungsangebot könne etwa das Springen über einen "fiktiven Wassergraben" sein auf dem Weg zur Kantine, mit Sensormatte und Sprungzähler ausgestattet. Oder die Möglichkeit, im Vorbeigehen in ein Wandschlagpolster zu hauen, für die Autoren "eine kleine, aber sehr effektive Muskelaktivierung". Bei alldem müsse aber auch die Unternehmenskultur stimmen - das Management solle gesundheitsbewusstes Verhalten vorleben.

"Die Arbeitsumgebung soll gesund sein, Wohlbefinden wie Produktivität steigern und zudem Identifikation stiften," meint Sven Bietau vom Münchner Beratungs- und Architekturunternehmen CSMM. Der Mitarbeiter sei die zentrale Stelle in der Wertschöpfung eines Unternehmens. Vergleichsweise geringfügige Investitionen in die Arbeitsbedingungen wirkten sich daher überproportional auf die Produktivität des Personals aus. Entsprechend sinnvoll sei es, die Qualität des Arbeitsortes, der Büroflächen und der Atmosphäre zu verbessern. Falls das große Veränderungen mit sich bringe, müssten Mitarbeiter frühzeitig in die Planung einbezogen werden, "denn jeder Angestellte ist ein Mensch mit Bedürfnissen, Gewohnheiten und Angst vor Veränderung".

"Es gibt unzählige Beispiele an neuen Bürokonzepten, die nicht funktionieren", schreiben Bettina Römerscheid und Ralf Freter von Steelcase, Hersteller von Büroeinrichtungen und Anbieter von Raumlösungen. Was daran liege, dass das Verhalten derjenigen, die in dem neuen Konzept zusammenarbeiten sollen, nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werde. Arbeitsräume der Zukunft müssten ein "Ökosystem" an verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten anbieten, in denen die Menschen ihre Wahl- und Kontrollmöglichkeiten ausleben könnten. Doch die Bürowelt von heute sehe anders aus: 75 Prozent aller Büros in Deutschland seien als Einzel- oder Gruppenbüros ausgeführt, 18 Prozent als Open Space, jedoch mit fester Arbeitsplatzzuordnung. Lediglich sieben Prozent aller Büros setzten ganz oder in Teilen ein Ökosystem an Arbeitsmöglichkeiten um.