Arbeiten mit sozialen Netzwerken "Es geht ja nicht darum, ein Homevideo einzustellen"

Sollten sich Firmenmitarbeiter mittels sozialer Netzwerke austauschen? Ja, zeigen erste Erfahrungen, denn das spart Zeit und Geld - und vorhandenes Wissen wird leichter zugänglich. Facebook und Co. sind den Konzernen allerdings unheimlich - sie bauen eigene Netze auf.

Von Varinia Bernau

Eigentlich kennt sich der Mann mit digitalen Werkzeugen aus. Immerhin ist er Social-Media-Manager bei BASF. Er sorgt dafür, dass die Leute im Netz erfahren, was der Chemiekonzern so alles macht. Und so wunderte er sich über diesen seltsamen Satz in Hindi auf der Facebook-Seite von BASF.

Im Netz fand er keine Übersetzung. Bei Connect-BASF schon: 13 Minuten, nachdem er sich im firmeninternen Netzwerk erkundigt hatte, meldete sich ein Kollege aus Indien. Es ging bei der Nachricht um das Farbenfest. Der Social-Media-Manager stellte sogleich ein Video ins Netz, in dem es um die Produktion von Farben bei BASF ging. Den Indern gefiel's.

Cordelia Krooß erzählt das Beispiel. "Bei mehr als 100.000 Mitarbeitern gibt es immer jemanden, der über genau das Wissen verfügt, das ein anderer gerade braucht", sagt sie. Krooß steuert beim Chemiekonzern den Aufbau des internen Netzwerkes, das vor gut 17 Monaten gestartet wurde. Das Gros der 109.000 Mitarbeiter greift darauf zu.

Dass sich der Konzern mit Connect-BASF ein eigenes Netz geschaffen hat statt alles über Facebook laufen zu lassen, hat einen Grund: Die Daten, von den Lebensläufen der Mitarbeiter bis zur chemischen Rezeptur, an der diese gerade tüfteln, liegen so auf den Rechnern der BASF - und nicht irgendwo im Silicon Valley.

Beim Einsatz der digitalen Helfer ist hierzulande kaum ein anderer börsennotierter Konzern so weit wie BASF. Doch in immer mehr Unternehmen setzt sich die Erkenntnis durch, dass soziale Netzwerke mehr sind als eine Pinnwand, an die Mitarbeiter den Klatsch aus der Kantine kritzeln - für alle Welt sichtbar.

Netzwerk statt Emails

Die Unternehmensberatung McKinsey hat in einer weltweiten Umfrage herausgefunden, dass Firmen, die ihre Leute im Stil des Web 2.0 zusammenspannen, bei der Produktentwicklung schneller sind. Auf das im Unternehmen vorhandene Wissen sei so leichter zuzugreifen, die Kosten für den Austausch seien geringer - diese Antworten hörten die Berater am häufigsten, wenn sie nachfragten, was die neue Vernetzung bringt.

Krooß verweist auf ein BASF-Team, das von vier verschiedenen Kontinenten aus an einen virtuellen Arbeitsplatz zusammengerückt ist: "Die konnten durch den offenen Austausch die wesentliche Projektphase um ein gutes Viertel verkürzen." Es sei viel mühsamer, alle Beteiligten auf dem aktuellen Stand zu halten, wenn etwa von einem Dokument verschiedene Versionen per E-Mail im Umlauf sind. Das neue Netzwerk helfe auch, die Flut von Mails einzudämmen.

Ebenso wichtig für Konzerne, die wie BASF-Standorte in mehr als 80 Ländern haben: In den Netzwerken bekommen die Mitarbeiter eine genauere Vorstellung davon, wie ein Kollege tickt, dem sie nicht täglich im Flur begegnen.

Videos, die einzelne Konzerne bereits in firmeninterne Blogs stellen, seien dafür besonders gut geeignet, sagt der Kommunikationsberater Klaus Eck. "Es geht nicht darum, da ein Homevideo einzustellen, sondern zu zeigen, mit wie viel Leidenschaft jemand an ein Projekt geht." Auch Missverständnisse, wie sie in E-Mails schnell entstehen, ließen sich so vermeiden.

Ivo Körner leitet in Deutschland die Softwaresparte von IBM - und damit den Verkauf jener Programme, wie sie bei BASF eingesetzt werden. Er war nicht überrascht, von seinen Kollegen in der US-Konzernzentrale zu hören, dass deutsche Firmen beim Einsatz von Social Media am weitesten sind.

In Deutschland, so bescheinigten ihm seine US-Kollegen, neige man dazu, mit einer klaren Strategie ans Werk zu gehen. Das hat auch negative Seiten: Gerade bei globalen Konzernen geht nichts von heute auf morgen: Technische Details und Fragen des Datenschutzes müssen geklärt werden, ehe ein Lebenslauf im internen Netz steht, oder für jeden sichtbar ist, ob ein Kollege auf Dienstreise oder im Büro ist.

Bei BASF lagen gut drei Jahre zwischen der vagen Idee eines Netzwerkes und dem Moment, in dem es freigeschaltet wurde. Firmen, die beim Austausch auf flache Hierarchien setzen, seien auch beim Einsatz der digitalen Werkzeuge offener, sagt IBM-Manager Körner.

So wie Adidas, wo man ein eigenes Netzwerk im Stil von Connect-BASF bis 2015 aufbauen will. Beim Sportartikelhersteller liegt der Altersdurchschnitt bei 32 Jahren. Für die meisten von ihnen ist Facebook aus dem Privatleben nicht mehr wegzudenken, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben.

Und genauso selbstverständlich nutzen sie soziale Netzwerke auch zum beruflichen Austausch. Der Übergang zwischen dem, was innerhalb eines Unternehmens zirkuliert und dem, was nach außen dringt, ist dabei fließend.

Kostenloses Marketing

Und darin sehen immer mehr deutsche Konzerne eher einen Vorteil als einen Nachteil: Beim Softwareanbieter SAP freut man sich darüber, wenn ein Entwickler in einem Internetforum gute technische Tipps gibt - und sich dabei als SAP-Mitarbeiter zu erkennen gibt. Das ist kostenloses Marketing. Bei der Commerzbank erhalten Jugendliche via Facebook regelmäßig Auskunft, welche Ausbildungsmöglichkeiten es gerade beim Finanzinstitut gibt.

Auch deshalb sperren nur noch wenige Dax-Konzerne ihren Mitarbeitern den Zugang zu Internetportalen wie Facebook, Twitter oder Youtube. Italienische und spanische Unternehmen beispielsweise, so hat eine Umfrage des Virenschutzanbieters Kaspersky gezeigt, sind da viel restriktiver.

Zudem sind Schulungen und Faltblätter zum richtigen Verhalten im Netz bei den meisten deutschen Konzernen inzwischen Standard. Und Klaus Eck glaubt, dass sie bald schon nicht mehr nötig sind: "Da findet ein kultureller Wandel statt: Für die 14-Jährigen von heute ist Facebook eine Art digitales Assessment Center. Die können damit umgehen, wenn sie ihre berufliche Laufbahn beginnen."

Facebook, aber mit Stil

mehr...