Von Stefan Ulrich

Weniger Geld, schwierige Jobsuche, harter Alltag: Wer in Italien arbeiten will, muss sich zuerst von einigen Klischees verabschieden.

Als seine sizilianische Freundin Anna ihn eines Tages kopfschüttelnd fragte: "Wie kannst Du nur so gelassen sein?", wusste Ulrich Kohlmann, dass er endgültig angekommen war in Italien. Die vielen Stolpersteine des Alltags, der Ärger mit einer byzantinisch anmutenden Behördenwelt, der zähe Kampf um ein Bankkonto, das Chaos im Straßenverkehr oder manches Gemauschel bei der Vergabe von Jobs und Vergünstigungen können ihn nicht mehr aus der Fassung bringen. "Schließlich werde ich vom Wetter, vom guten Essen und der entspannteren Lebensart des Südens entschädigt", sagt der 44 Jahre alte Wahl-Pisaner.

Arbeiten in Italien: Die Mär vom Müßiggang

Traumland für Bodenständige: Italien. (© Foto: ddp)

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So hat er sich, wie viele Deutsche, in Italien niedergelassen, wohl für immer. Dabei sah es überhaupt nicht nach einer Lebensentscheidung aus, als der promovierte Philosoph 1995 von Freiburg nach Pisa zog. Zunächst wollte er nur für ein Forschungsjahr in der Toskana bleiben. Und die Erfahrungen an der Università degli Studi waren nicht dazu angetan, ihn zum längeren Verweilen zu verführen. Kohlmann durfte zwar als eine Art Privatdozent deutsche Moralphilosophie lehren und an Prüfungen mitwirken, entlohnt aber wurde er dafür nicht. "Ich habe keine Lira bekommen", erzählt er. Da aber auch ein junger, idealistischer Philosoph irgendwo wohnen und irgendetwas essen muss, begann er, nebenbei deutsche Busreisegruppen zu führen.

Das erste Jahr war längst verstrichen, aber Kohlmann zog es nicht über die Alpen zurück. Hartnäckig versuchte er weiter, an der Hochschule einen Job zu bekommen. "Doch der Nepotismus dort ist beispiellos". Die Vetternwirtschaft habe dabei keineswegs nur ihn als Ausländer ausgeschlossen. Auch aus anderen Landesteilen zugezogene Italiener hätten es schwer gehabt. "Schließlich musste ich wählen: die Philosophie - und damit die Rückkehr nach Deutschland - oder Italien. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens." Kohlmann wählte Italien und suchte sich einen Brotberuf, den er schließlich im Tourismus fand.

Fremdsprachenkenntnisse seien unter Italienern noch immer ziemlich dürftig, erzählt er. Gut ausgebildete Deutsche, die neben Italienisch auch Englisch und Französisch sprächen, fänden daher relativ leicht einen Job. "Allerdings müssen sie sich die deutschen Lohnvorstellungen abschminken." Ein Drittel bis die Hälfte weniger verdiene ein Angestellter in Italien - bei gleichen Lebenshaltungskosten wie im Norden. Zudem sei das Klischee vom südländischen Müßiggang verfehlt. "Gewiss, die Menschen wirken hier lockerer. Aber beim Arbeiten geht es richtig zur Sache." Dennoch - oder deshalb - reüssieren in der italienischen Berufswelt etliche Deutsche.

Man findet sie als Papst oder Ferrari-Rennfahrer, als Drei-Sterne-Koch in Rom, Leiter eines Gesundheitsamtes in Kalabrien oder Hautarzt in Siena. Nach Angaben des nationalen Statistikinstituts Istat sind etwa 35.000 Deutsche in Italien gemeldet, darunter 4300 in Rom und 3000 in Mailand.

Schätzungen zufolge sind aber nur ungefähr 20.000 berufstätig. Sie lassen sich grob in drei Gruppen einteilen. Da wären einmal deutsche Angestellte, die in italienischen Niederlassungen deutscher Firmen arbeiten. Sie besetzen oft leitende Positionen. Zum zweiten sind da solche Deutsche, die in der Heimat Karriere als Spezialisten gemacht haben und dann als Selbständige nach Italien gingen. Dort arbeiten sie als Unternehmens- und Rechtsberater oder als Computerspezialisten. Voraussetzung dafür sind nicht nur Fach- und Sprachkenntnisse, sondern auch, wie stets in Italien, Beziehungen.

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