Von Bernadette Calonego

Jung, gebildet, wohlhabend - das Land ist wählerisch bei seinen Immigranten, obwohl es dringend Arbeitskräfte braucht.

(SZ vom 27.03.2002) Wenn der Kanadier Les Alm hört, dass sein Land die höchste Einwanderungsrate der Welt hat, ist ihm das ein schlechter Trost. Les Alm ist Bürgermeister des Prärie-Dorfes Allan in der Provinz Saskatchewan. "Vor 25 Jahren lebten in Allan rund tausend Menschen, heute sind es noch knapp 700", sagt er.

Vancouver, Zielort vieler Immigranten. (© )

Anzeige

Allan ist eine der vielen Siedlungen in der kanadischen Prärie, die gegen ihre Entvölkerung kämpfen. Von den 220.000 Einwanderern, die im vergangenen Jahr nach Kanada kamen, ließ sich kein einziger in Allan nieder.

Anderswo schon: Drei von vier Immigranten leben in den Städten Vancouver, Toronto oder Montreal. Kanada braucht Einwanderer - sonst bricht der Arbeitsmarkt des Landes zusammen. Derzeit stellen Immigranten bereits 75 Prozent des nötigen Zuwachses im dünn besiedelten Kanada. Im Jahre 2011 sollen es 100 Prozent sein.

Niedrige Geburtenrate

Kanadas Bevölkerung wächst viel zu langsam, um genügend eigene Arbeitskräfte zu stellen. Durchschnittlich bekommt eine Kanadierin 1,5 Kinder. Um das Bevölkerungswachstum aufrecht zu erhalten, braucht das Land aber eine Geburtenrate von 2,1. Im Jahr 2031 wird daher das gesamte Bevölkerungswachstum von Immigranten kommen.

Kanada ist ein beliebtes Ziel. Die Behörden werden von Einwanderungsgesuchen überschwemmt: Derzeit wartet eine halbe Million Immigrationswilliger auf ihre Überprüfung. "Wir bieten Sicherheit, Lebensqualität und ein Land, in dem sich die Menschen respektieren", sagt Susan Scarlett vom Einwanderungsministerium in Ottawa.

Der Staat kann sich diejenigen Immigranten aussuchen, die das Land gerade braucht. Die Kanadier haben ein Punkte-System entwickelt, das Einwanderer vor allem nach Ausbildung, Sprachkenntnissen, Vermögen, beruflicher Erfahrung und der Frage, ob man ein Arbeitsangebot aus Kanada hat, bewertet.

Rassistische Benachteiligung

Bislang wurde ins Land gelassen, wer 70 von maximal 100 Punkten erreichte. Eine Studie ermittelte jedoch Schwächen dieses Systems: In den vergangenen 20 Jahren ging das Einkommen von Einwanderern zurück, und deutlich mehr Immigranten als früher fanden keine Arbeit. Dafür machen die Verfasser der Studie einerseits rassistische Benachteiligung verantwortlich, aber auch die Tatsache, dass berufliche Qualifikationen von Immigranten in Kanada oft nicht anerkannt werden.

Jetzt will das Einwanderungsministerium das Punktesystem neu gewichten, um die Auswahl von Immigranten noch effizienter zu machen. Je höher die Ausbildung, desto willkommener sind Einwanderer. Sie müssen Englisch oder Französisch beherrschen.

Bislang gab es eine Liste von Berufen, für die man Leute in Kanada brauchte. Wenn man einen anderen Beruf hatte, war man chancenlos. Diese Liste wird nun aufgegeben. Entscheidend ist nun die Fähigkeit, in Kanada Arbeit zu finden. Wer schon einmal in Kanada gelebt oder studiert hat und nicht älter als 44 Jahre ist, liegt gut im Rennen. "Wir wollen Immigranten, die in Kanada sofort Arbeit finden, sich selber unterstützen und gleich loslegen können", sagt Scarlett vom Einwanderungsministerium.

Andrew Wlodyka, ein Spezialanwalt in Vancouver, formuliert es härter: "Die Regierung ist nicht daran interessiert, Geld für die Integration von Einwanderern auszugeben." Wlodyka findet es legitim, dass Ottawa in "kaltblütigem nationalem Interesse" handelt. Er hält die neuen Richtlinien für transparenter und objektiver als das alte Gesetz. Sein Kollege Peter Wong in Calgary sagt: "Im Allgemeinen wird die Immigration schwieriger. Die Regierung will die Besten aus jedem Land."

Das kanadische Parlament ratifizierte das neue Gesetz in seinen Grundzügen im vergangenen November. Seither werden die einzelnen Richtlinien bei Anhörungen der Öffentlichkeit vorgelegt.

Entrüstung über Übergangsfristen

Manche geplanten Änderungen lösten Entrüstung aus. Die bis vor kurzem amtierende Einwanderungsministerin Elinor Caplan wollte das neue System, das 80 anstelle von 70 Punkten verlangt, auch auf jene Kandidaten in der Warteschlange anwenden, die sich noch unter dem alten Gesetz um die Immigration beworben hatten. Der neue Minister Denis Coderre ließ diese Ungerechtigkeit fallen. Derzeit gibt es eine Übergangsfrist für wartende Bewerber, für die immer noch 70 Punkte gelten.

Heftig kritisiert wurde im ganzen Land, dass "White Collar Workers", also Manager, Akademiker und Büroangestellte, mit dem neuen System bevorzugt werden sollten. Als Reaktion auf die Kritik wurde das neue Punktesystem angepasst: Kanada kann es sich nicht leisten, gut ausgebildete Fachkräfte und tüchtige Arbeiter abzuschrecken.

Solche Facharbeiter, Geschäftsleute, Unternehmer und Investoren machen den Löwenanteil der Immigranten aus. Im Jahr 2000 waren es fast 60 Prozent der 226.000 Zugezogenen. 27 Prozent waren Familienmitglieder von schon Eingewanderten, und rund 13 Prozent waren Flüchtlinge.

Für begehrte Fachleute wie Computer-Spezialisten gibt es Programme, die eine Immigration beschleunigen. Doch ausländische Diplome und Abschlüsse von Universitäten und Fachschulen werden in Kanada oft nicht anerkannt. Dafür sind die einzelnen Provinzen verantwortlich, die dem Protektionismus von Berufsorganisationen nicht entgegenwirken.

Wegzug in die USA

Die Immigranten können nicht Zehntausende von gut ausgebildeten Kanadiern ersetzen, die jedes Jahr wegen der besseren Löhne und Arbeitsbedingungen in die USA ziehen. Kanada, sagt Anwalt Wlodyka, brauche auch mehr Einwanderer aus europäischen Ländern, die sich leicht integrieren.

Im Jahr 2000 kam jeder dritte Immigrant aus China, Indien oder Pakistan. Das neue Gesetz wird die Entvölkerung der Prärien nicht stoppen. Das Dorf Allan bietet deshalb inzwischen Steuervorteile für Zuwanderer, die dort ein Haus bauen.

Leser empfehlen