Arbeiten im Alter Ruhestand? Bloß nicht!

Ältere Arbeitnehmer sind noch zu hervorragenden Leistungen im Stande.

(Foto: Illustration: Lisa Bucher)

Die Senioren sind fitter denn je, doch die meisten bleiben zur Rente verdammt. Dabei gehört Arbeiten zum guten Leben, auch im Alter.

Essay von Steffen Uhlmann

Was ist das Dümmste am Älterwerden? Dass der Rücken wehtut, die Backen hängen, und man schmerzlich registrieren muss, dass auch der Körper zum Menschen gehört? Und was ist mit dem Graus, von anderen nur noch als betulicher Opa oder einfältige Oma empfunden zu werden? Und was mit der aufziehenden Eigenbrötelei, die einen in das Destruktive zu treiben scheint und den Betroffenen zum ewigen Nörgler und Besserwisser macht? Aktuelles Motto: Früher war mehr Lametta. Dabei erfährt man bald, dass nichts tödlicher ist, als sich im eigenen Denken zu langweilen. Und nichts ernüchternder als der Verlust von Wahlmöglichkeiten. Dann wird die Furcht vor dem Altwerden beinahe übermächtig. Dagegen helfen weder neue Jeans noch ein superschicker Bleistiftrock. Und schon gar nicht der Abschluss einer privaten Pflegeversicherung.

Das Einzige, was man den Leuten heute noch ernsthaft anlasten könne, sei das Älterwerden. Sagt Madonna: "Das ist das Einzige, womit dich die Leute noch diskriminieren." Schließlich sei alles inzwischen gesellschaftsfähig geworden, nur nicht der körperliche Verfall. Der Kampf dagegen ist bisweilen ungestüm und unbeholfen. Eine ganze Botox-Generation begehrt dagegen auf und verfällt bisweilen wie Madonna einem Fitnesswahn. Dagegen steht das Häuflein der Resignierten - mit grauen Steppjacken und Herzsport einmal die Woche. Beide Varianten werden von der Hipster-Generation oft hämisch belächelt. Dabei sind auch den jungen Überfliegern in ach so "fernen Tagen" Hängebusen und Tränensäcke garantiert.

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"Die Menschen fühlen sich zumeist zehn bis 15 Jahre jünger, als es im Personalausweis steht."

Aber ist das wirklich das Problem in Deutschland, wo kaum noch einer weiß, wann das Altwerden beginnt? In einer Gesellschaft, die immer älter wird, weil nicht genug geboren und immer später gestorben wird. Wo es gesellschaftlich längst legitimiert ist, dass Männer jenseits der 65 Kinder zeugen und Frauen in ähnlichem Alter anfangen, mithilfe der Medizin Kinder zu gebären. Wo die Begriffe Oma oder Opa nur noch in alten Kinderbüchern vorkommen, während die Senioren agiler und mobiler werden und ihr gefühltes Alter deutlich sinkt. "Die Menschen fühlen sich zumeist zehn bis 15 Jahre jünger, als es im Personalausweis steht", sagt Trendforscher Peter Wippermann von der Folkwang Universität in Essen. Das Alter komme später. Irgendwann.

Von wegen. Spätestens mit dem Rentenbescheid droht die Ära des Müßiggangs, wächst der Zweifel, ob man als "frisch gebackener" Senior noch praxistauglich oder längst von einer Welt überfordert ist, in der Youtuber mit 25 schon zu alt für den angesagten Videoklamauk sind und "Alte Meister" scheinbar nur noch für den Kunstmarkt taugen.

Der Gewinn an Lebenszeit ist sozial ungleich verteilt

Das Statistische Bundesamt aber beruhigt. Es gibt Anhaltspunkte, wie wir uns den typischen Rentner anno 2015 vorzustellen haben: gesundheitlich fit, am Computer günstige Reiseangebote suchend, wissbegierig auf dem Weg in die Volkshochschule oder gar an die Universität und auch immer mehr weiterarbeitend - im alten Unternehmen, als Ehrenamtlicher oder jetzt selbständig im Teilzeitjob, vielleicht sogar mit eigener Firma.

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Deutschlands Senioren können das leisten. Sie sind fitter denn je. Mit jedem Jahrzehnt nimmt die Lebenserwartung um zweieinhalb Jahre zu. Vor allem steigt die Zahl der Jahre, in denen die Senioren vergleichsweise gesund und selbständig leben. Nur ist dieser Gewinn an Lebenszeit sozial höchst ungleich verteilt. Die oberen zehn Prozent der hochqualifizierten Männer etwa haben eine um neun Jahre höhere Lebenserwartung als die unteren zehn Prozent. In einigen Ländern wie den USA oder England wird dieses Problem als soziale Klassenfrage diskutiert. In Deutschland ist das weitgehend tabu.

Tatsache ist, dass die Bevölkerung zunehmend vergreist, was für die Gesellschaft immer teuerer wird. Auch dafür liefern die Statistiker alarmierende Zahlen: War Ende 2013 jeder fünfte der 81 Millionen Bundesbürger älter als 65 Jahre, so dürfte es nach ihren Schätzungen 2060 schon jeder dritte sein. Dabei gibt es jetzt schon nirgends in Europa einen so hohen Anteil von Senioren an der Gesamtbevölkerung wie in Deutschland. Und das kostet die Deutschen immens viel Geld. Einem Bericht der EU-Kommission zufolge werden sich die jährlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege bis 2060 beinahe verdoppeln, mithin von 520 Milliarden Euro (2013) auf dann fast 1020 Milliarden Euro steigen. Und auch das nur, wenn es hierzulande keine weiteren Rentengeschenke gibt, die Geburtenrate wieder steigt und die Gesundheitsausgaben beherrschbar bleiben, weil Innovationen aus der Pharmazie nicht länger als Kostentreiber zu Buche schlagen.