Deutsche Hochschulen sind international nur mittelprächtige Arbeitgeber, zeigt eine Studie der Universität Twente.
(SZ vom 2.9.2003) An einer deutschen Hochschule zu arbeiten, ist für Wissenschaftler ein eher "gemischtes Vergnügen", meint Jürgen Enders, Hochschulforscher an der Uni Twente. Er hat zuvor an der Uni Kassel gelehrt und erlebt, wie sich Hochschulen immer mehr zu "kognitiven Dienstleistern" entwickeln, die ihren Mitarbeitern die Budgets kürzen und zugleich mehr Leistung erwarten. Zwar zehren die Universitäten noch von einem positiven Image in breiten Teilen der Bevölkerung und gerade Professoren genießen hohes Ansehen. Auch für viele junge Absolventen ist die Wissenschaft immer noch ein attraktives Arbeitsfeld, zumal in den Geistes- und Sozialwissenschaften, wo es außerhalb der Wissenschaft kaum berufliche Alternativen gibt.
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Vorbild Norwegen
Die Schattenseiten aber sind offenkundig: Es gibt, im Vergleich zur Wirtschaft, oft zu wenig Geld, dazu viele unsichere, weil meist befristete Arbeitsverhältnisse mit ungeregelten Arbeitszeiten und vielfältigen Abhängigkeiten, kurz: Formen moderner Ausbeutung, wohin man schaut. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat genauer hingeschaut, mit anderen europäischen Ländern verglichen und meint: Wir könnten auch anders. Etwa so wie in Norwegen. Da bekommen Doktoranden feste 4-Jahres-Verträge von Uni oder Forschungseinrichtung, sind dort angestellt und werden mit 33.200 Euro an aufwärts anständig entlohnt.
Auch nach der Promotionsphase, als Lektor oder Dozent, sind feste, unbefristete Verträge an den Hochschulen Norwegens die Regel, nicht die Ausnahme. Und wer Professor werden möchte, bewirbt sich einmal jährlich auf Ausschreibungen oder wird, bei besonderer Qualifikation, nebenher berufen - ein sehr einfaches System, so einfach, dass manch einer schon glaubt, in Norwegen könne man zu leicht Professor werden, erzählt Kari Kjenndalen, Generalsekretärin des norwegischen Gewerkschaftsbundes.
Und Deutschland? Die Wissenschaft als Beruf verliert auch angesichts schrumpfender Hochschuletats zunehmend an Attraktivität, schon jetzt haben technische und naturwissenschaftliche Fächer Probleme, hoch qualifizierten Nachwuchs zu rekrutieren, weil die Hochschulen ihnen nicht die Arbeitsbedingungen der Industrie bieten können. Hinzu kommen eine Reihe struktureller Probleme, die auch durch das neue Hochschulrahmengesetz nicht gelöst, teilweise sogar verschärft wurden.
Abhängig vom Doktorvater
Deutsche Hochschulen, das zeigt eine neue, noch unveröffentlichte Studie des niederländischen Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS) an der Universität Twente, sind im internationalen Vergleich eher mittelprächtige Arbeitgeber.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Sie kümmern sich zu wenig um ihren wissenschaftlichen Nachwuchs, die Betreuung von Doktoranden ist weitgehend von den persönlichen Beziehungen zum Doktorvater abhängig, nicht aber von vertraglichen Vereinbarungen. Sie schicken ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter von einem befristeten Projekt zur nächsten aus Drittmittel finanzierten Stelle auf Zeit und schaffen so unsichere, wenig motivierende Verhältnisse. Sie bieten Wissenschaftlern, die keinen Lehrstuhl anstreben oder erlangen können, kaum alternative Karrierewege und sind verfangen in einem verkrusteten Vergütungssystem.
Alles Arbeitsbedingungen, die akademische Stellen nicht gerade attraktiv machen. Doch nur ein aussichtsreicher Arbeitsort kann in einem zusammenwachsenden europäischen Hochschulraum bestehen. Findet die GEW, die die Studie in Auftrag gegeben hat. Bei ihrer diesjährigen Sommerschule vergangene Woche auf Sylt diskutierte sie mit Experten über die Attraktivität der Arbeitsbedingungen in Hochschule und Forschung.
Aber: Woran lässt sich Attraktivität überhaupt fest machen? Etwa daran, wie eine Hochschule ihren wissenschaftlichen Nachwuchs rekrutiert, betreut, fördert und hält. Die Niederlande haben mit ihren Graduiertenkollegs einen guten Weg beschritten, auf den sich in Deutschland mittlerweile auch die Deutsche Forschungsgesellschaft und die Max-Planck-Gesellschaft gemacht haben. Das Bundesbildungsministerium begrüßt solche Initiativen ausdrücklich. Christoph Ehrenberg, Leiter der Abteilung Hochschule beim BMBF, spricht sich für eine stärker strukturierte Doktorandenausbildung aus, und will weitere Modelle fördern lassen. Er verteidigte auf Sylt auch die Befristungsregelung und forderte die Hochschulen auf, weniger darüber zu jammern als mehr "Versorgungsfälle abzubauen und sich der Förderung exzellenten Nachwuchses zu widmen."
Dafür bedarf es aber erst mal einer grundsätzlich anderen Einstellung gegenüber dem wissenschaftlichen Personal: "Wir dürfen nicht als erstes fragen: Wie werden wir die bloß wieder los? Sondern: Wie kann ich gute Leute bekommen - und diese auch halten?", bemerkte Hochschulforscher Enders. "Die Menschen brauchen Perspektiven," forderte auch Gerd Köhler von der GEW. Andere europäische Länder, das zeigt die Studie des CHEPS, geben sie ihnen. Etwa Norwegen oder Schweden, aber auch Frankreich, wo es vor allem in der Forschung deutlich mehr unbefristete Stellen gibt. Oder Großbritannien, wo jungen Wissenschaftlern tenure tracks als Alternative zur Professur angeboten werden. In Deutschland setzt man dagegen auf die Juniorprofessur.
Alle irgendwie anders
Eine Lösung für viele Probleme rund um den Arbeitsplatz Hochschule könnte ein Tarifvertrag für die Wissenschaft sein, der den speziellen Bedürfnissen der Wissenschaftler und der Arbeitssituation an Hochschulen besser gerecht werden könnte als der bisherige Bundes-Angestellten-Tarifvertrag (BAT). Alle wollen ihn, BMBF, GEW, SPD, FDP - nur alle wollen ihn irgendwie anders. Ulrike Flach, Vorsitzende des Bildungs-Ausschusses im Bundestag, fände es gut, wenn jede Hochschule mit den Gewerkschaften eigene tarifrechtliche Lösungen erarbeiten würde. Die GEW will das natürlich lieber mit allen zusammen.
In Österreich machen sie das gerade vor. Dort können die Hochschulen neuerdings mit den Gewerkschaften so genannte Kollektivverträge über das wissenschaftliche Personal abschließen. Die Hochschulen schließen sich dazu gerade zu einer Art Arbeitgeberverband zusammen. Gerd Köhler von der GEW hält das für eine gute Idee und wäre sogar bereit, dafür den Kündigungsschutz zu lockern, um etwa beim Wegfall von Drittmitteln Mitarbeiter entlassen zu können - wenn dafür gleichzeitig aber mehr unbefristete Stellen geschaffen würden. Nach dem Motto: "Mehr Kontinuität und mehr Flexibilität."
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