Unterbezahlt, voll ausgelastet und alleingelassen: Lehrbeauftragte bilden das Prekariat der Hochschulen.
David James Prickett hat eigentlich einen prima Job. Er ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen in und um Berlin. Der promovierte Germanist aus den USA hält Seminare zum Thema Genderforschung und gibt Sprachkurse.
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Lehrbeauftragter! Das schmückt die Visitenkarte und macht sich gut im Lebenslauf. Doch die Realität sieht anders aus. Denn trotz der vielen Aufträge kann sich der Wissenschaftler gerade so über Wasser halten. 30 Euro pro Semesterwochenstunde - das ist herzlich wenig. Besonders dann, wenn man die umfangreichen Vor- und Nachbereitungszeiten berücksichtigt, die nicht vergütet werden. "Ich bin schon froh, dass ich überhaupt bezahlt werde", sagt Prickett. Denn viele Lehrbeauftragte können sich nur mit dem guten Ruf eines Hochschullehrers schmücken. Geld bekommen sie nicht für ihre Arbeit.
Eigentlich sollen Lehrbeauftragte hauptberuflich außerhalb der Hochschulen tätig sein und mit ihrem Spezialwissen - nebenberuflich - die Hochschulausbildung bereichern. Es gibt jedoch immer mehr Lehrbeauftragte, die, wie Prickett, mit mehreren, wechselnden Lehraufträgen ihren gesamten Lebensunterhalt bestreiten. Und das oft mehr schlecht als recht. Sie werden miserabel bezahlt, haben keine Sicherheit, weil die Aufträge jeweils nur für ein Semester erteilt werden, sind sozial schlecht abgesichert und haben kein Mitbestimmungsrecht in Hochschulangelegenheiten. Ihre Chancen auf einen festen Job im Wissenschaftsbetrieb sind minimal.
Diese hauptamtlichen Lehrbeauftragten seien schlicht billige und flexibel einsetzbare Arbeitskräfte für die Universitäten, kritisiert Andreas Keller vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Er wirft den Hochschulen vor, Lehrangebote, die von hauptamtlichen Kräften geleistet werden sollten, in Lehraufträge umzuwandeln. "Die Arbeit im wissenschaftlichen Bereich wird zunehmend prekär", sagt Keller. Die Leute würden wie hauptamtliche Kräfte beschäftigt, allerdings auf Honorarbasis und nicht selten mit Kettenverträgen. "De facto ist das eine Form von Scheinselbständigkeit."
Erhebungen des statistischen Bundesamtes bestätigen den Trend. Demnach ist die Zahl der Professoren seit 1995 trotz steigender Studentenzahlen zu-rückgegangen. Dafür war beim neben-beruflichen Personal ein deutlicher Anstieg zu beobachten. An Universitäten wuchs die Zahl der Lehrbeauftragten von 21453 im Jahr 1995 auf 26242 im Jahr 2004. Ähnlich sieht es an den Fachhochschulen aus, wo 1995 noch 14104 Lehrbeauftragte gezählt wurden gegenüber 19076 im Jahr 2004.
In Berlin stellen Lehrbeauftragte nach Angaben der GEW Berlin mit etwa 4000 Personen zahlenmäßig die dritt-größte Gruppe innerhalb des wissen-schaftlichen und künstlerischen Perso-nals. Sie erbringen an den Berliner Unis durchschnittlich zehn Prozent des regulären Lehrangebotes, an den künstlerischen Hochschulen und Fachhochschulen sollen es laut Gewerkschaft sogar bis zu 50 Prozent sein. Ohne sie, das kann man folgern, würde der Lehrbetrieb nur sehr eingeschränkt funktionieren.
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Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Es gibt tatsächlich noch mehr Wissenschaftler/inn/en, die umsonst lehren - darunter solche, die in keiner offiziellen Statistik geführt werden:
An verschiedenen deutschen Universitäten wird Wissenschaftler/inn/en, die Drittmittel "einbringen" (so heißt das in offiziellen Papieren) z.T. jede Bezahlung von Lehraufträgen verweigert. Die Begründung: Man habe ja schon einen Job - womit z.B. eine durch DFG oder VW bezahlte Forschungsstelle gemeint sein kann.
Eine solche Forschungsstelle hat allerdings nach Definition des vom Drittmittelgebers ausgestellten Auftrages in aller Regel mit "Lehre" nichts zu tun. Da nun aber Lehrerfahrung zur Habilitation (bzw. für eine gleichwertige höhere Qualifikation) unabdingbar ist, wird auf das "Eigeninteresse" der befristet tätigen wissenschaftlichen Mitarbeiter/inn/en gesetzt - und man wird ja zu nichts gezwungen... Lehre ist deshalb reine Privatsache der befristet Forschenden, die sie einen enormen Anteil ihrer kostbaren, weil selbstredend eng befristeten Forschungszeit kostet.
Da keiner Chancen verlieren will, wird auch auf Kosten der Forschung gelehrt - und umgekehrt: auf Kosten der Lehre (und oft der Gesundheit...) wird die eigene Forschung soweit irgend möglich doch durchgezogen. Man hat schließlich nur zwei, vielleicht drei Jahre, ein bewilligtes Projekt erfolgreich zu beenden - kann aber auf Lehrerfahrung nicht verzichten.Dass man für Lehrveranstaltungen mit 40 bis 80 Teilnehmer/inn/en, mehreren Leistungsnachweisen, intensiver Vorbereitung und sämtlichen dazugehörigen Prüfungen faktisch nicht mal das Taschengeld bekommt, das jede Volkshochschule ihren Dozenten, wissen die Studierenden und die öffentlichkeit nicht.
Auch auf diese Weise lassen sich also einige 400 Euro pro Semester pro Lehrauftrag einsparen - das ist nämlich etwa die Summe, die für ein zweistündiges Seminar pro Semester investiert werden müsste - aber auch das ist für die finananziell ausgebluteten Universitäten z.T. schon zu viel.
Zu den ungeschriebenen Regeln des Betriebs gehört, dass man die Mißstände gefälligst nicht nach Außen hin beim Namen nennt. Kolleg/inn/en anderer europäischer oder amerikanischer Hochschulen sind ungläubig-entsetzt, wenn man sie dennoch einmal über solche "Interna" aufklärt - mir sind diverse Länder bekannt, in denen ein Universitätspr
Bei mir war es so: 5 Semester für nichts gelehrt und jetzt, wo es geringfügige Bezahlung gibt, kriege ich keinen Auftrag mehr. Traurig, Ausbeutung, Verarschung. Ich schicke der Uni eine Prforma-Rechnung...
Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, daß Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: wer die Butter hat, wird frech. Es ist nicht nur, dass die Koaltionsrechte der Arbeitnehmer auf ein Minimum zusammengeschmolzen sind, dass ihre Stellung bei Tarifverhandlungen durch schwache Gewerkschaften immer ungünstiger wird, weil bereits das Wort "Tarif" bedrohliche Wettererscheinungen in den Personalbüros hervorrufen..... auch die Atmosphäre in den Betrieben und anderen Arbeitsstätten ist nicht heiterer geworden. Zwar jammern die Geber von Arbeit: "Wir können die Untüchtigen so schwer herauskriegen" heutzutage kann man ja niemand mehr kündigen....keine Sorge: man kann und man tut es. Und so wird Arbeit und Arbeitsmöglichkeit, noch zu jämmerlichsten Löhnen, ein Diadem aus Juwelen und ein Perlengeschmeide." Der Arbeiter, dem Sie da gekündigt haben, hat immerhin dreissig Jahre ihre Dreck weggeschafft." "Ist es nicht bereits ein Plus, dreißig Jahre gearbeitet haben zu dürfen",so die Antwort. Zu dürfen hat er gesagt. Die einen haben das Recht, für das Land sterben zu dürfen, andere dürfen zu Hungerlöhnen arbeiten- wobei denn wieder andere die saure Pflicht haben, vierundzwanzig Aufsichtsratsposten bekleiden zu müssen. Merke : Wenn einer bei der Festsetzung von Arbeit und Lohn mit "Ehre" daherkommt, mit "moralischen Rechten" und mit "sittlichen Pflichten, dann will er allemal mogeln !
"Scheinselbständigkeit" ist noch ein Euphemismus. Die Lehrbeauftragten-Praxis an vielen deutschen Unis ist nichts anderes als eine schamlose Form der Ausbeutung - die natürlich dort besonders eklatant ist, wo Planstellen gestrichen oder nicht mehr besetzt und die entstehenden Lücken durch Lehraufträge "geschlossen" werden. Billiger mag das ja sein - aber schamlos ist es allemal, ignorant und menschenverachtend: gegenüber den Lehrbeauftragten, deren Bezahlung schlicht permanenter Ausdruck der Verächtlichkeit und Geringschätzung ihrer Arbeit ist, aber auch gegenüber den Studierenden, da von einem Lehrbeauftragten schlicht und einfach nicht der Umfang und die Qualiltät der Betreuung erwartet werden KANN wie sie von hauptamtlich angestellen Hochschullehrern erwartet werden darf und muss.
Und darum geht es letztendlich auch: Uni-Rektoren und -Präsidenten, die auf die Lehrauträge-billigbillig-Sparvariante in der Lehre setzen, sind die Belange der Studierenden scheißegal.