Viele Professoren lassen Anwesenheitslisten herumgehen, um die Teilnahme der Studenten zu kontrollieren - mit fragwürdigem Effekt. Jetzt suchen die Universitäten nach Alternativen.
Franz Bosbach hat sich nicht nur Freunde gemacht, als er vor einem Jahr auf die Studentenproteste gegen die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen reagierte. Er ließ juristisch prüfen, ob eine Kontrolle überhaupt nötig und erlaubt ist. Das Ergebnis, das der Prorektor der Uni Duisburg-Essen bekanntgab, lautete dann kurz gesagt: In Vorlesungen muss die Anwesenheit nicht kontrolliert werden. Nun, gut ein Jahr nach den Protesten, hat sich die Lage aus Sicht der Studierenden zwar verbessert; aber abgeschafft sind die ungeliebten Anwesenheitslisten noch immer nicht überall. Nicht einmal in Vorlesungen.
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Schlafen, bis die Anwesenheitsliste vorbei kommt: Die Kontrolle von Studenten bringt nicht immer das, was sich die Professoren erhoffen. (© Robert Haas)
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Im Herbst vergangenen Jahres waren bundesweit Studenten auf die Straße gegangen, um für bessere Studienbedingungen zu demonstrieren. Einer ihrer Kritikpunkte war die Anwesenheitspflicht, die oft erst für die neuen Bachelor-Studiengänge eingeführt worden war. An der Uni Duisburg-Essen hatten Studenten die beiden großen Hörsäle besetzt. Und die Juristen, die Bosbach mit dem Thema beauftragte, betonten dann ganz im Sinne der Studenten: Eine Pflicht zur regelmäßigen Anwesenheit sei wegen "des Rechts der Studierfreiheit rechtlich nur in begrenztem Umfang zulässig".
Daraufhin, sagt Bosbach, dachten einige Dozenten, die Anwesenheitspflicht müsse vollständig aufgehoben werden. Doch das gelte nur für Vorlesungen, die mit einer Prüfung enden. Wird eine "regelmäßige, aktive Beteiligung" verlangt, sieht die Sache anders aus. Dann könne es gerechtfertigt sein, die Studenten zur Anwesenheit zu verpflichten. Diese Regel gilt nun an der Universität Duisburg-Essen seit Sommer.
So klar ist das an deutschen Unis aber selten geregelt: Viele haben in ihren Gremien Verbesserungen diskutiert, dann aber lediglich empfohlen, auf Anwesenheitslisten, bei denen Studenten sich mit ihrer Unterschrift eintragen, zu verzichten. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat die Studentenvertreterin Eva Blomberg "immerhin eine Verbesserung" registriert. Eine klare Linie sei allerdings nicht zu erkennen. So hätten angehende Soziologen im Magister-Studiengang keine Anwesenheitspflicht gehabt. Mit dem Bachelor sei sie eingeführt und bisher auch beibehalten worden. Genau umgekehrt sehe es in der Politikwissenschaft aus.
Blomberg fordert, die Leitlinien, die es für Bayern gibt, auch umzusetzen. In diesen, verabschiedet von Universitäten, Studentenvertretern und dem Wissenschaftsministerium, heißt es: "Anwesenheitspflichten sollen, wo sie sachlich sinnvoll sind, als Empfehlung und nicht als Zugangsvoraussetzung definiert werden, damit die Studierbarkeit und Mobilität erleichtert werden." Empfohlen wird, die Anwesenheitspflicht auf "notwendige Fälle" zu reduzieren und "bei Vorlesungen grundsätzlich keine Anwesenheitspflicht" vorauszusetzen.
Beim bundesweiten "Bologna-Gipfel" im Mai 2010 hatten Studenten das Thema zur Sprache gebracht, mit den Rektoren aber keine Einigung erzielt. "Ich bin kein Fan von Anwesenheitslisten - aber ein großer Fan von Anwesenheit", brachte es Jan-Hendrik Olbertz auf den Punkt. Damals war er Kultusminister von Sachsen-Anhalt, mittlerweile ist er Präsident der Berliner Humboldt-Universität.
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Das war einmal...
Mir waren VL nahezu immer ein Gräuel, die rhetorischen Fähigkeiten meiner und vieler anderer Profs waren einfach nur unterirdisch. Was mit Bachelor/Master eingeführt wurde, passt aber wunderbar zum herrschenden Zeitgeist: Von Freiheit und Selbstverantwortung faseln, dabei aber gleichzeitig entmündigende Strukturen installieren:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15601
es wäre leicht gewesen, bestimmte wichtige Vorlesungen einfach an zwei verschiedenen Terminen abzuhalten. Oder wegen Personalmangels diverse Übungen und Seminare nicht nur alle 4 Semester, sondern zumindest jedes 2. Semester, wie es auch sein sollte.
hätte ich mein Studium nie machen können. Ohne wohl kalkulierte Fehlzeiten hätte ich nicht nebenbei Arbeiten können, um mein Studium zu finanzieren. Die Eltern konnten mich nicht finanzieren, vor lauter Schulden, die sie wegen des Hauses hatten. Und der Staat gestattet nur den Reichen und Selbständigen Bafög, die sich ihren Wohlstand herunterrechnen lassen können, damit der Sprössling in Genuss einer Guten Unibildung inklusive Porsche kommen kann.
...aus der hier ebenfalls angeführten Uni Münster, noch bevor die Anwesenheitspflicht wieder ad acta gelegt worden ist:
Nach der Umstellung von Magister auf BA/MA gab es dort eine Vorlesung mit angeschlossenem Tutorium in der Germanistik - beides mit Anwesenheitspflicht. Die Tutorien wurden von Studenten höherer Semester geführt, die Qualität der einzelnen Tutoren jedoch sehr schwankend - meine eigene Gruppe war die grauenvollste Zeitverschwendung meiner Studienzeit. Unsere Tutorin war nicht in der Lage zu erkennen, dass die grosse Mehrheit der Studenten bereits alles begriffen hatte und sich nur eine Gruppe Lehramtsstudenten mit immer neuen Fragen in den Details festbiss. Dementsprechend zäh verliefen die zwei Stunden jede Woche bei bestem Frühsommerwetter im Keller des Universitätsgebäudes.
Die Beschwerden über solche Tutorien sind dann auch bei unserem Prof angekommen, der allerdings auf die Anwesenheitspflicht verwies, mit dem Hinweis, man sei etwa bei einem Jurastudium auch schnell draussen, wenn man gegen die Anwesenheitspflicht verstösst.
Allerdings: Ich hatte vorher bereits ein Jurastudium gegen die Wand gefahren und wusste, dass es dort zwar genau die gleiche Konstellation aus Vorlesung und Tutorium gibt, aber dass auch kein Jurist auf die Idee kommen würde, hier eine Anwesenheitspflicht zu konstruieren. Wenn dort AG und Vorlesung schlecht sind, nimmt man eben das Buch zur Hand und lernt damit. Und die Tutoren werden im nächsten Semester im Regelfall nicht mehr eingestellt, wenn die Beschwerden überhand nehmen...
ist etwa diese ihre Einstellung Grund dafür, dass sie die genannte Tätigkeit nicht mehr ausüben?
Meine Erfahrung ist, dass Studenten sich genau dort langweilen, einschlafen und drücken wo sie nur können, wo auch jeder Nichtstudent das tun würde: nämlich bei unerträglich öden, runtergeleierten oder selbstverherrlichen Vorträgen. Was den Studenten an deutschen Hochschulen als "Dozent" vorgesetzt wird, grenzt mancherorts an Körperverletzung. Aber da man ja auf die Damen und Herren angewiesen ist, um seine Examen halbwegs gescheit hinter sich zu bringen, wagt kaum jemand dies offen anzusprechen sondern revoltiert auf die eigene Art dagegen.
Ich verwette meinen Allerwertesten darauf: Wenn die Damen und Herren mit ihren W3 Professuren (bzw. auch alle anderen, die unterrichten) genötigt würden selber anzuhören, was sie Woche für Woche 90 Minuten lang von sich geben, wären sie entsetzt.
Mein Studium ist Jahrzehnte her, ich besuche allerdings immer noch interessenbedingt regelmäßig Seminare und Vorträge. Und auch ich gehe immer häufiger vorzeitig raus, weil der Vortrag nicht zu ertragen ist. Nur: mir steht diese Freiheit zu, die Studenten aber müssen es ertragen.
Bevor man so laut über das faule Studentenpack wettert, sollte man sich vielleicht mal selber in Frage stellen und prüfen, ob es nicht doch an der eigenen Person liegt, dass das Interesse an den Veranstaltungen nicht größer ist.
Paging