Anwesenheitspflicht an der Uni Dösen bis zur Unterschrift

Viele Professoren lassen Anwesenheitslisten herumgehen, um die Teilnahme der Studenten zu kontrollieren - mit fragwürdigem Effekt. Jetzt suchen die Universitäten nach Alternativen.

Von Ralf Steinbacher

Franz Bosbach hat sich nicht nur Freunde gemacht, als er vor einem Jahr auf die Studentenproteste gegen die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen reagierte. Er ließ juristisch prüfen, ob eine Kontrolle überhaupt nötig und erlaubt ist. Das Ergebnis, das der Prorektor der Uni Duisburg-Essen bekanntgab, lautete dann kurz gesagt: In Vorlesungen muss die Anwesenheit nicht kontrolliert werden. Nun, gut ein Jahr nach den Protesten, hat sich die Lage aus Sicht der Studierenden zwar verbessert; aber abgeschafft sind die ungeliebten Anwesenheitslisten noch immer nicht überall. Nicht einmal in Vorlesungen.

Im Herbst vergangenen Jahres waren bundesweit Studenten auf die Straße gegangen, um für bessere Studienbedingungen zu demonstrieren. Einer ihrer Kritikpunkte war die Anwesenheitspflicht, die oft erst für die neuen Bachelor-Studiengänge eingeführt worden war. An der Uni Duisburg-Essen hatten Studenten die beiden großen Hörsäle besetzt. Und die Juristen, die Bosbach mit dem Thema beauftragte, betonten dann ganz im Sinne der Studenten: Eine Pflicht zur regelmäßigen Anwesenheit sei wegen "des Rechts der Studierfreiheit rechtlich nur in begrenztem Umfang zulässig".

Daraufhin, sagt Bosbach, dachten einige Dozenten, die Anwesenheitspflicht müsse vollständig aufgehoben werden. Doch das gelte nur für Vorlesungen, die mit einer Prüfung enden. Wird eine "regelmäßige, aktive Beteiligung" verlangt, sieht die Sache anders aus. Dann könne es gerechtfertigt sein, die Studenten zur Anwesenheit zu verpflichten. Diese Regel gilt nun an der Universität Duisburg-Essen seit Sommer.

So klar ist das an deutschen Unis aber selten geregelt: Viele haben in ihren Gremien Verbesserungen diskutiert, dann aber lediglich empfohlen, auf Anwesenheitslisten, bei denen Studenten sich mit ihrer Unterschrift eintragen, zu verzichten. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat die Studentenvertreterin Eva Blomberg "immerhin eine Verbesserung" registriert. Eine klare Linie sei allerdings nicht zu erkennen. So hätten angehende Soziologen im Magister-Studiengang keine Anwesenheitspflicht gehabt. Mit dem Bachelor sei sie eingeführt und bisher auch beibehalten worden. Genau umgekehrt sehe es in der Politikwissenschaft aus.

Blomberg fordert, die Leitlinien, die es für Bayern gibt, auch umzusetzen. In diesen, verabschiedet von Universitäten, Studentenvertretern und dem Wissenschaftsministerium, heißt es: "Anwesenheitspflichten sollen, wo sie sachlich sinnvoll sind, als Empfehlung und nicht als Zugangsvoraussetzung definiert werden, damit die Studierbarkeit und Mobilität erleichtert werden." Empfohlen wird, die Anwesenheitspflicht auf "notwendige Fälle" zu reduzieren und "bei Vorlesungen grundsätzlich keine Anwesenheitspflicht" vorauszusetzen.

Beim bundesweiten "Bologna-Gipfel" im Mai 2010 hatten Studenten das Thema zur Sprache gebracht, mit den Rektoren aber keine Einigung erzielt. "Ich bin kein Fan von Anwesenheitslisten - aber ein großer Fan von Anwesenheit", brachte es Jan-Hendrik Olbertz auf den Punkt. Damals war er Kultusminister von Sachsen-Anhalt, mittlerweile ist er Präsident der Berliner Humboldt-Universität.