Peil empfand die Anonymität als "Segen". Das Angstwort "Ukrainerin", das bei vielen Firmen offenbar Ablehnung erregte, fiel weg. Peil wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen - und selbst da fragte niemand nach ihrem Visum. Heute kauft Peil für Mydays Erlebnisangebote ein. "Durch die Anonymität kommt erst gar nicht der Verdacht auf, als Frau benachteiligt zu werden", sagt Peils Kollegin Carina Donnerer. Sie ist 28 Jahre alt und in diesem Alter wächst bei Arbeitgebern der Verdacht, sie könnte bald Kinder bekommen und damit für Jahre ausfallen. "Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor - beruflich und privat", hörte Donnerer deshalb regelmäßig in Bewerbungsgesprächen. Mydays waren die Ersten, die nicht danach gefragt haben. "Das ist eine faire Variante, es wird nur auf die Fakten geschaut", sagt sie.

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Die neue Sachlichkeit hat jedoch ihren Preis - auch für Bewerber. Sie können kaum noch persönliche Akzente setzen. Fotos fallen ebenso weg wie das Anschreiben, keine Bewerbungsmappe lässt mehr Rückschlüsse darauf zu, wie fleißig der Kandidat Sekundärtugenden wie Fleckfreiheit oder Liebe fürs Detail pflegt. Selbst Schriftart und Farbe sind beim Onlineformular vorgegeben. Die Bewerbung mutiert zu einem kühlen Akt der Datenprüfung - allerdings nur in der ersten Stufe. Denn beim Bewerbungsgespräch wird vieles sichtbar - und dieses fällt auch bei der anonymisierten Bewerbung nicht weg.

Melanie Koschorek organisiert die Bewerbungen bei Mydays und sie verteidigt den Abschied vom Persönlichen. Vor diesem Projekt dachte die 35-Jährige, sie gehe objektiv an die Kandidaten heran. "Jetzt merke ich, welche Macht dieses Bewerbungsfoto hat", sagt sie. Koschorek meinte, aus dem Foto herauslesen zu können, ob er oder sie zur Kultur der Internetfirma passt. Doch nun hat sie erkannt, wie sehr ein Foto täuschen kann, noch dazu in Zeiten atemberaubender Manipulationsmöglichkeiten per Photo- shop. "Manchmal lag ich richtig, aber es gab Fälle, wo sich mein Eindruck überhaupt nicht bestätigt hat." Die Anonymität schließt die persönlichen Assoziationen aus. "Das menschliche Element verleitet zu Fehlern", sagt Koschorek. "Es hilft mir, mich selbst zu umgehen."

Natürlich hat das neue Verfahren mehr Aufwand gebracht, doch er ist überschaubar. Koschorek schätzt ihn auf 15 Prozent. So muss sie die Kontaktdaten der Bewerber stets getrennt von dem Bewerbungsbogen abspeichern. Manche Abteilungsleiter laden zudem mehr Leute zu Bewerbungsgesprächen ein. Auch die Bewerber selbst sind nicht durchweg begeistert. Manche schicken stur ihre Bewerbungsmappe im alten Stil, als kürzlich die Marketingspitze gesucht wurde, beschwerten sich ein paar Männer. "Man hat rasch gemerkt, die stellen sich gerne dar", sagt Koschorek. Dafür bleibt ihnen jetzt nur noch das "Motivationsschreiben" - ein Fenster ganz am Ende des Bewerbungsbogens.

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  1. Wenn sich Personaler nicht mehr für Persönliches interessieren
  2. Sie lesen jetzt Anonymität als Segen für Bewerber
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(SZ vom 21.02.2012/holz)