Anonyme Bewerbung Mehmet, 54 Jahre, gelähmt, Spitzenkraft

Das Bundesfamilienministerium will die anonyme Bewerbung testen. Davon könnten genau diejenigen profitieren, die es am nötigsten haben - und die Unternehmen selbst.

Ein Kommentar von Roland Preuß

Das Vorhaben kommt unter der harmlosen Bezeichnung "Pilotprojekt" daher, doch es könnte die Bewerbungskultur in deutschen Unternehmen revolutionieren. Das Bundesfamilienministerium will zusammen mit dem Land Nordrhein-Westfalen und fünf Großunternehmen anonyme Bewerbungen erproben. Verläuft der Versuch erfolgreich, so dürfte sich die Stellensuche ohne Name, Alter, Herkunft oder Angaben zur Behinderung in den Unterlagen weiter in der Wirtschaft ausbreiten. Und es spricht viel dafür, dass es so kommt.

Der Lebenslauf eines Bewerbers muss Personaler überzeugen - auch ohne Foto und Namen.

(Foto: iStockphoto)

Wer nichts davon weiß, dass er sich gerade über den Bewerbungsbrief einer Alleinerziehenden oder eines Deutsch-Türken beugt, der kann als Arbeitgeber auch nicht diskriminieren - zumindest nicht vor dem persönlichen Bewerbungsgespräch. Die Auswahl wird dadurch also ein Stück sachlicher.

Dies könnte genau jenen helfen, die bislang auffällig oft aussortiert werden: Ältere, Migranten und Behinderte. Ihnen eine faire Chance zu geben, ist schon aus zwei Gründen dringlich: Zum einen sind diese Gruppen häufiger als der durchschnittliche Arbeitnehmer arbeitslos. Die anonyme Bewerbung könnte ihnen nun zu einer neuen Stelle verhelfen.

Zum anderen wird der Anteil der Älteren, der Migranten und womöglich der Frauen an den Erwerbstätigen weiter wachsen. Etwas gegen ihre Benachteiligung zu tun, heißt also, sich den neuen Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt zu stellen. Ohne mehr Chancen für Ältere wird eine Rente mit 67 kaum zumutbar sein.

Das neue Verfahren kann aber auch Firmen helfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Denn ein per Vorurteil ausgewählter Kandidat ist sicher nicht unbedingt der leistungsfähigste.