Anonyme Bewerbung in der Testphase Nur Augen für die Qualifikation

Fünf Großunternehmen wollen von Herbst an nur noch anonymisierte Bewerbungen annehmen und so Diskriminierung verhindern. Doch es gibt Zweifel, ob sich der Aufwand lohnt.

Von Daniela Kuhr

Die Deutsche Telekom, die Deutsche Post, L'Oréal, Procter & Gamble und der Geschenkedienstleister Mydays wollen die anonymisierte Bewerbung testen. Von Herbst an werden die fünf Unternehmen für bestimmte Bereiche in ihrem Haus nur noch Bewerbungen ausschreiben, in denen jegliche Angabe zu Alter, Geschlecht, Herkunft, Adresse oder Familienstand fehlen. "Wir wollen Menschen eine Chance geben, die sonst womöglich nie zum Vorstellungsgespräch eingeladen würden", sagte Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und Initiatorin des Projekts, am Dienstag in Berlin.

Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einem ausländisch klingenden Namen trotz gleicher Qualifikation seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden als solche mit einem deutsch klingenden Namen. "Aus unserer Beratungspraxis wissen wir auch, dass Frauen, die in ihrer Bewerbung angeben, zwei Kinder zu haben, häufiger eine Absage erhalten, als wenn sie die Kinder verschweigen", sagte Lüders. Mit dem Pilotprojekt will sie herausfinden, ob die anonymisierte Bewerbung die Chancen dieser Bewerber auf eine Stelle erhöht. "Zudem wollen wir in Erfahrung bringen, wie aufwendig das Bewerbungsverfahren durch die Anonymisierung wird und ob es überhaupt praktikabel für die Unternehmen ist", erklärte Lüders. Neben den fünf Firmen nimmt auch das Bundesfamilienministerium an der Testphase teil.

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Das Thema sei nicht gesellschaftspolitisch, sondern auch wirtschaftlich von hoher Bedeutung, sagte IZA-Direktor Klaus Zimmermann. "Unternehmen, die bewusst oder unbewusst diskriminieren, verzichten auf die Effizienz, die sie hätten, wenn sie ihre Mitarbeiter allein nach deren Qualifikation auswählen würden."

Dass die Deutsche Telekom an dem Projekt teilnimmt, ist konsequent. Erst kürzlich war Konzernchef René Obermann mit der Ankündigung vorgeprescht, bis 2015 jede dritte Führungsposition mit einer Frau besetzen zu wollen. Die Telekom habe sich schon länger zum Ziel gesetzt, "die personellen Monokulturen aufzubrechen", sagte Martin Seiler, Personal-Geschäftsführer der Deutschen Telekom Kundenservice GmbH, am Dienstag. "Gerade angesichts des Fachkräftemangels können wir es uns nicht leisten, den Bewerberpool durch Vorurteile von vornherein zu einzugrenzen." Der Personalchef von L'Oréal Deutschland, Oliver Sonntag, sagte, er hoffe, "durch die anonymisierten Bewerbungen auf Menschen zu treffen, die wir sonst womöglich nicht getroffen hätten".

Details, in welchen Bereichen genau die Unternehmen anonymisierte Bewerbungen annehmen werden und wie das Verfahren konkret ablaufen soll, wollen die Teilnehmer in den kommenden Wochen besprechen. IZA-Direktor Zimmermann betonte, es werde Wert darauf gelegt, dass die gewonnenen Erkenntnisse wissenschaftlich verwertbar seien. Voraussichtlich wird es Online-Formulare geben, in denen die Bewerber ausführlich ihre Qualifikation beschreiben können. Bei Bewerbungen in Papierform werden die teilnehmenden Firmen aller Wahrscheinlichkeit nach die heiklen Angaben von einer neutralen Stelle im Haus schwärzen lassen.

In Teilen der Wirtschaft ist das Projekt sehr umstritten. Der Arbeitgeberverband BDA hatte kritisiert, dass durch anonymisierte Bewerbungen die Bemühungen der Unternehmen um Vielfalt in den Belegschaften konterkariert würden. Denn dann können Arbeitgeber zu Vorstellungsgesprächen nicht mehr gezielt Frauen oder Bewerber mit ausländischen Wurzeln einladen. Dem hielt Lüders entgegen, dass die Arbeitgeber dafür sicher sein könnten, die qualifiziertesten Bewerber einzuladen. L'Oréal-Personalchef Sonntag fügte hinzu: "Bei dem Projekt geht es schließlich um Unvoreingenommenheit, und nicht um eine im Voraus ausgewählte Vielfalt."

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