Anonyme Bewerbung Augen zu und durch

Ohne Foto, Name und Alter: Die meisten Personaler in Deutschland halten anonyme Bewerbungen für Unfug. Trotzdem starten jetzt fünf Firmen den Versuch. Manche Bewerber könnten davon profitieren.

Von Juliane von Wedemeyer

Es ist so weit: Der nächste Sachbearbeiter, den MyDays einstellt, muss sich ohne Namen bewerben. Vor einer Woche startet der Geschenke-Dienstleister mit dem neuen anonymen Bewerbungsverfahren. MyDays ist eines der fünf Unternehmen, die an der einjährigen Pilotstudie des Bundes teilnehmen - neben den internationalen Konzernen L'Oréal, Deutsche Post, Deutsche Telekom und Procter & Gamble. Die 65-Mitarbeiter- Firma MyDays ist der einzige Mittelständler unter ihnen.

Warum ihr Unternehmen sich an diesem Projekt beteiligt? "Reine Neugier", sagt Tamara Hilgers. Die 34-Jährige ist die Personalchefin des Online-Shops, der Erlebnisse wie Fallschirmsprünge, Baggerfahrten oder Candle-Light-Dinner organisiert und vertreibt. Hilgers will wissen, ob die anonymen Bewerbungen etwas an der Besetzungspraxis ihres Hauses ändern.

"Bei Bewerbungen haben Frauen mit Kindern, ältere Menschen oder Bewerber mit ausländisch klingenden Namen deutlich schlechtere Chancen als andere", erklärt Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sie verweist auf eine Studie der Universität Konstanz und des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit, kurz IZA. Diese belegt erstmals, dass etwa Bewerber mit einem türkischen Namen bei der Jobsuche benachteiligt werden.

Bei einem Feldversuch waren ihre Chancen auf eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch im Durchschnitt um 14 Prozent geringer als bei Bewerbern mit deutschem Namen, bei kleinen und mittleren Unternehmen sogar um fast ein Viertel. Ob anonymisierte Bewerbungen daran etwas ändern, will Lüders Behörde nun mit dem Pilotprojekt herausfinden.

Zwar haben die USA, Schweden, Italien und Großbritannien bereits erste Erfahrungen mit anonymen Bewerbungsverfahren gesammelt. Und in Frankreich geht ein ähnliches Pilotprojekt gerade zu Ende. Aber belastbare Schlussfolgerungen ließen sich daraus noch nicht ziehen, heißt es beim IZA. Umso wichtiger sei das deutsche Projekt. Es soll vor allem Antworten darauf geben, wie die bundesweite Einführung eines anonymen Bewerbungsverfahrens aussehen könnte.

Bei MyDays sieht sie so aus: Auf der Karriereseite der Firmen-Homepage können Interessenten künftig zwei standardisierte Word-Dokumente herunterladen. Auf einem der Dokumente fragt das Unternehmen die Kontaktdaten ab, auf dem anderen die Qualifikationen. Ausgefüllt kann der Bewerber sie dann an Hilgers Abteilung senden, am besten per Mail. Der Mitarbeiter, der den Eingang der Bewerbungen überwacht, sortiert die Seiten mit den Kontaktdaten aus. Sofern die Bewerbungen zum Stellenprofil passen, schickt er sie anschließend in die jeweiligen Abteilungen - ohne Foto, ohne Namen, ohne Adresse, ohne Angabe des Geburtsorts, der Nationalität, des Familienstandes oder Geschlechts.

Nicht einmal von wann bis wann jemand die Schule besucht hat, darf drinstehen. "Daraus könnten wir ja schließen, wie alt der Bewerber ist", erklärt Hilgers. Wie viele Jahre der Bewerber für seinen Schulabschluss benötigt hat, müsse er allerdings angeben. "Wir wollen schon wissen, ob jemand eine Klasse dreimal wiederholt hat."

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