Von Peter Gaide

Wer mit Kindern arbeitet, braucht viel Geduld - und hat wenig Geld.

(SZ vom 25.9.2002) Wirst Du auch abgeholt?", lispelt der Kleine. "Ja, meine Mama kommt gleich", schwindle ich und bereue es sofort, denn meine Mama holt mich schon lange nicht mehr ab, und Kinder beschwindelt man nicht. Der Zwerg pariert die Lüge gelassen mit einem Kopfschütteln, grinsend, nuschelnd: "Bist doch gar kein Kind", und watschelt davon.

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Anja Dierschke schaut ihm nach und lacht. Seit einigen Wochen ist die 25-Jährige staatlich anerkannte Erzieherin. Alle Prüfungen liegen hinter ihr. In wenigen Tagen beginnen die Sommerferien. Dann ist ihre Zeit im Gemeindekindergarten Hohenbrunn, in dem sie ein Jahr lang das aus 15 "Spatzen" bestehende "Vogelnest" leitete, vorbei. Im Herbst tritt sie eine neue Stelle an. Traurig? Ein bisschen vielleicht, sagt sie knapp.

Zehn plus zwei plus drei Jahre vergehen in der Regel in Deutschland, bevor jemand Erzieher ist. Nach dem zehnten Schuljahr folgt ein zweijähriges Praktikum, das seit kurzem sozialpädagogisches Seminar heißt und mit zusätzlich acht bis zehn Schulstunden Unterricht pro Woche aufwartet. Dann folgen zwei Jahre theoretische Ausbildung an einer Fachakademie für Sozialpädagogik und ein Jahr Berufspraktikum. Nicht gerade wenig für "so ein bisschen auf Kinder und Jugendliche aufpassen".

Umso geringer das Gehalt: Berufsanfängerinnen - mehr als 98 Prozent aller Erzieher sind weiblich - erhalten im Schnitt 1800 Euro in den alten Bundesländern und rund 1600 Euro in den neuen.

Das ganze Drumherum

Warum Anja in ihrem Beruf von Kindern umgeben sein will? Ganz einfach. Anja liebt Kinder, obwohl sie das so nicht sagt. Schließlich hat sie schon die drei Kinder ihrer Cousine gehütet, war Au-pair-Mädchen in den USA, was beinahe in ein Basketballstipendium gemündet hätte, und hat eine Jugendgruppe im Alpenverein betreut.

Den Kleinen rennen zwischen Wackelbrücke, Sonnenblumenbeet, Kletterburg und Wasserpumpe hin und her, schütten Sand auf, kippen Wasser hinzu, lachen, schreien, palavern. "Das alles gehört dazu", sagt Anja, macht mit dem Arm eine Geste in Richtung der Kinder und meint doch ihren Beruf.

Es gibt viel zu sehen und zu erfahren im Alter zwischen drei und sechs Jahren: Gemeinsam spielen, sich konzentrieren, selbstständig werden, Musik hören und selber machen, sich Geschichten anhören, malen, basteln, sich bewegen, andere Kinder achten, auch mal mit ihnen streiten, sich wieder versöhnen, sich gegenseitig trösten. Erzieherinnen helfen Kindern, all das zu erlernen, und organisieren für sie das Drumherum.

Krippe, Hort oder Heim

Nicht jede Erzieherin arbeitet in einem Kindergarten. Die Ausbildung, an der Pädagogik, Psychologie und Methodik sozialpädagogischen Arbeitens einen hohen Anteil haben, ist so breit gefächert, dass vieles in Frage kommt: Kinderhort, Vorschule, Kinderheim, Jugendzentrum, Ganztagsschule oder auch Jugendwohngruppen. "In der Ausbildung werden auch die Eigenschaften Kontakt-, Kritik- und Konfliktfähigkeit trainiert", sagt Walter Küfler, stellvertretender Schulleiter an der Katholischen Fachakademie für Sozialpädagogik und einer von Anjas Lehrern.

Die Zeichen für Erzieherinnen stehen laut Walter Küfler günstig. Wie stark das Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche im Gefolge des "Pisa- Schocks" steigen wird, sei aber ungewiss. Ungeachtet dessen besteht seit geraumer Zeit ein nicht geringer Bedarf an nicht deutschen Erzieherinnen in Ballungsgebieten: "Eine gute Chance etwa für türkische oder russland-deutsche junge Frauen", so Küfler. Auch Anja Dierschke fand schnell eine Stelle, eine Schwangerschaftsvertretung. Zukunftsängste hat sie keine. Letzte Frage: "Sind Sie gut erzogen, Frau Dierschke?" Lachen. "Merkt man das nicht?"

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