Die Tourismusbranche schwächelt - trotzdem werden Animateure, Gästebetreuer und Reiseleiter gesucht.
Surfen auf Samos, turnen auf Tahiti. Der Haken? Du bist nicht allein. Du bist Animateur. Vor deiner Nase hopsen dreißig ambitionierte Turnfreunde im Rhythmus harter Technobeats, zwischen deinen Beinen krabbeln quirlige Kleinkinder, und du musst sehr vorsichtig sein, dass du ihnen nicht auf die Finger trittst. Denn die Kinder gehören zu den Turnfreunden, die deine Klienten sind. Und der Klient ist König im Club.
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Obwohl es der Tourismusbranche nicht gut geht, zumal seit den Bomben auf Bali und den Anschlägen in Istanbul, werden Animateure gesucht. Angesprochen sind junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, die vor allem in südeuropäischen Urlaubsparadiesen für gute Stimmung sorgen sollen - trotz oder besser: gerade wegen der Terroranschläge. Seit dem 11. September wollen noch mehr Gäste in den Ferien ständig verfügbare Ansprechpartner haben. Und die Veranstalter wollen bei rückläufigen Buchungszahlen aus den weniger gewordenen Kunden Stammgäste machen.
Animateure sollten kontaktfreudig, aufgeschlossen, engagiert, belastbar und teamfähig sein. Der professionelle Gästebetreuer in einem Club ist im Dienst, sobald er sein Zimmer verlässt - als Aushängeschild seines Arbeitgebers. Unermüdlich lächelnd schüttelt er Hände und beantwortet die immer gleichen Fragen. Er spielt Volleyball am Strand, betreut Kinder oder hilft am Mittagsbuffet.
Dabei ist das ursprüngliche Konzept der fast aufdringlichen Animation mittlerweile sanften Mitmach-Angeboten gewichen. In den Clubanlagen von Robinson etwa versteht sich der Animateur als geschulter Unterhalter, der den Gästen freundschaftlich zur Seite steht. "Von der aggressiven Animationsschiene früherer Jahre sind wir schon lange weg", sagt Robinson-Sprecherin Tamara Sommer. Das Motto, sofern es die Gäste betrifft, heißt: "Jeder kann mitmachen, keiner muss!" Das gilt natürlich nicht für die jungen Entertainer.
Ein "Robin" muss auch in seiner spärlich bemessenen Freizeit für den Gast ansprechbar sein. Das freundliche Plaudern mit den Gästen in der Bar und in der Disko sowie die Proben für die abendlichen Shows werden nicht als Arbeitszeit gewertet.
Ein Tag Ferien pro Woche
Eine regelrechte Ausbildung zum Animateur gibt es nicht. Schul- und Arbeitszeugnisse werden nur selten verlangt. Fast immer aber werden englische Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Weitere Fremdsprachen sowie Trainerscheine oder Malkurs-Zertifikate sind nützlich bei der Bewerbung.
Damit ein Grundstandard gewährleistet ist, führen viele Arbeitgeber in den Wintermonaten Casting-Touren durch. Die meisten verlangen von den Bewerbern, an ein- bis achtwöchigen Lehrgängen teilzunehmen, die in der Regel im Ausland stattfinden. Hier werden die notwendigen Fertigkeiten und die Unternehmensphilosophie vermittelt sowie die späteren Einsatzteams gebildet. Je nach Arbeitgeber sind die Schulungen gratis oder kostenpflichtig.
So lädt der deutsche Reiseveranstalter 1-2 Fly zweimal im Jahr 340 junge Nachwuchskräfte zu einem zehntägigen Seminar ein. Wer das Ticket dafür im Briefkasten findet, hat bereits ein knallhartes schriftliches Auswahlverfahren und mindestens ein Casting hinter sich. Denn nicht nur für 1-2 Fly gilt: Ist die Animation gut, ist der Gast zufrieden. Wiedersehen, Wiederbuchen.
Wer als EU-Bürger innerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes anheuern will, braucht keine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Für die Beschäftigung im außereuropäischen Ausland ist sie, egal ob deutscher oder lokaler Arbeitsvertrag, immer erforderlich. Der Arbeitgeber beantragt Visum und Arbeitserlaubnis. In der Regel werden Saisonarbeitsverträge nach deutschem Recht geschlossen. Handelt es sich um keinen deutschen Vertrag, müssen die Arbeitnehmer vor Job-Antritt mit den jeweiligen Leistungsträgern, der Krankenkasse, dem Arbeitsamt und dem Rententräger, klären, welche Anspruchsleistungen ruhen und welche aufrecht erhalten werden sollen.
Wer Animateur werden will, muss darauf vorbereitet sein, sich nur einen Tag pro Woche von seinem Allround-Job als Clown und Psychotherapeut, als Sportlehrer und Dampfplauderer erholen zu können. Dafür gibt es etwa 700 Euro im Monat. Das ist wenig. Aber: Den Hin- und Rückflug tragen die Veranstalter, Essen und Trinken gibt es dreimal am Tag und reichlich. Der Lohn wandert bei fast allen Gute-Laune-Profis aufs Sparbuch. Eigentlich nicht das Schlechteste. Wäre da nicht die Gefahr, den Absprung aus der heilen Scheinwelt zu verpassen. Nur den wenigsten gelingt es nach fünf Jahren Vorturnen, auf dem heimischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
(SZ vom 29.11.2003)