Agilität im Job Beschäftigte klagen über Dauerstress

Fast überall, wo Firmen agile Methoden einführen, wird bald intensiv über die Belastung diskutiert, stellen die ISF-Forscher fest. Beschäftigte klagen über Dauerstress. Sie erleben die Nachteile der neuen und der alten Berufswelt vereint: Ihre Leistung wird vermessen, ihre Arbeit getaktet, die Anforderungen werden erhöht, sie sollen ständig Innovationen liefern - aber sie dürfen so wenig entscheiden wie zuvor. Da fühlt sich der Softwareentwickler ausgeliefert wie ein Arbeiter dem Fließband. Sei agil? Diese Parole findet er zynisch. Zumal er erlebt, dass die neuen Methoden auch Stellen einsparen sollen.

Andreas Boes und seine ISF-Kollegen setzen dem ein anderes Modell entgegen: Teams, die wirklich bestimmen - auch darüber, wie sie arbeiten. Die gemeinsam lernen. Die auf die Sicherheit ihrer Jobs vertrauen können. Und deren wachsende Produktivität auch für ein gesundes Arbeitstempo genutzt wird. Mitarbeiter erhalten Kraft und Macht, weshalb das Modell Empowerment heißt, vom englischen power. "Das Modell markiert einen Gegenentwurf zum Bedrohungsszenario der Digitalisierung, die mehr Belastung bringt, Mitarbeiter überwacht und Arbeitsplätze vernichtet", sagt Thomas Lühr.

Vertrauen entgegenbringen, Verantwortung abgeben

Allerdings fanden die Forscher dieses Modell meist nur bei Start-ups, in manchen Entwicklerteams - oder als einsames Leuchtturmprojekt, während ringsum anders gearbeitet wird. Gerade die Verwaltung, aber auch Ingenieure oder Programmierer landeten dagegen oft an digitalen Fließbändern. Gern versehen mit dem Slogan: Wir sind jetzt alle agil. Solche Firmen werden dafür die Quittung erhalten, glauben die Forscher: Denn produktiver würden die Mitarbeiter so nicht.

Doch Agilität light ist für die Unternehmen zumindest kurzfristig die billigere Lösung. Verlangen, ohne zu geben, bedeutet weniger Aufwand. Wer es dagegen ernst meint mit einer freieren und dadurch produktiveren Organisation, muss beispielsweise die Führung verändern. Statt von oben zu befehlen, sollen Fragen ausgehandelt werden. Indem etwa manche Mitarbeiter die Kundenperspektive einnehmen, andere die Qualität des Produktes im Auge behalten und wieder andere die Belastung des Teams. Der Softwarekonzern SAP, der wie Lufthansa oder die Deutsche Bahn die Agilität voranzutreiben sucht, nimmt sich einiges vor, so Personalmanager Wolfgang Fassnacht: Die Manager müssten Mitarbeitern "Vertrauen entgegenbringen, Verantwortung an sie abgeben und sie selbst ihren Weg finden lassen". So weit, bilanzieren die Forscher, sind die meisten Firmen noch nicht.