Wahrscheinlichkeitsrechnung, die europäische Gleichgewichtspolitik, Gedichtinterpretationen: Die Abitur-Leistungskursaufgaben 2009 hatten es in sich. sueddeutsche.de zeigt die kniffeligsten Aufgaben: Hätten Sie's gewusst?

Die rund 32.000 Abiturienten in Bayern haben es endlich geschafft und die Abiturprüfungen hinter sich gebracht. Nachdem sueddeutsche.de Sie schon mit den Grundkurs-Aufgaben auf die Probe gestellt hat, folgen nun ausgewählte Tests aus den schweren Leistungskursen: Deutsch, Mathe, Englisch, Geschichte, Französisch sowie Wirtschaft und Recht - hätten Sie im Jahr 2009 das Abi bestanden?

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Schwitzen über den Prüfungsaufgaben: 32.000 bayerische Schüler haben in diesem Jahr das Abitur geschrieben. (© Foto: ddp)

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Abiturprüfung 2009 DEUTSCH als Leistungskursfach

Arbeitszeit: 300 Minuten

Der Prüfling hat eine Aufgabe seiner Wahl zu bearbeiten. Als Hilfsmittel sind - auch im Hinblick auf Worterklärungen - Wörterbücher zur deutschen Rechtschreibung (ausgenommen digitale Datenträger) zugelassen.

AUFGABE I (Erschließung eines poetischen Textes)

a) Erschließen und interpretieren Sie die beiden folgenden Gedichte! Berücksichtigen Sie dabei besonders, wie Macht jeweils charakterisiert wird und arbeiten Sie diesbezüglich Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus!

b) Zeigen Sie anhand geeigneter Vergleichskriterien, wie Macht in einem literarischen Werk einer anderen Epoche dargestellt wird!

Text A Durs Grünbein (geb. 1962) Der Misanthrop1 auf Capri (1999)

Nicht wahr, sie machen euch Angst, meine Finger, So lang und so knochig, zehn krumme verdorrte Äste. Was wird erzählt? Ich könne mit Links einen Apfel durchbohren? Nicht nur das, liebe Freunde. Auch ein glotzendes Auge. Auch den Brief, der mir schmeichelt mit blinzelnden kleinen Worten. Ich brauch keinen Schlagring, mir genügen die Finger Dieselben, mit denen ich Krebse esse und Kleinkinder necke. Wie man vom Tisch eine Fliege schnippt, die dann kreiselnd Am Boden verendet, so fahr ich dem Staunenden ins Gesicht. Was wie ein Streicheln aussieht, eine zärtliche Geste, Ist mein gefährlichster Schlag. Nicht wahr, das brennt, Und macht blutige Striemen. Hab ich den Feind erst markiert, Bin ich ganz sicher, es findet sich einer, der ihn beseitigt für mich. Ich aber zieh mich zurück, trauernd. Das Schlachten widert mich an.

Diesen Text hat Durs Grünbein im Anhang mit folgender Anmerkung versehen:

Kaiser Tiberius (42 v. Chr. - 37 n. Chr.). Von seiner Villa auf Capri, die heute von Eidechsen bewohnt wird, regierte er ein Weltreich, das von den Britischen Inseln bis zu den Wüsten Afrikas reichte. Ein Wink seiner knochigen Hand, die Tacitus2 eigens erwähnt, und die römischen Flugzeugträger waren in Marsch gesetzt.

1 Misanthrop: Menschenfeind. 2 Tacitus: römischer Historiker (58 n. Chr. - ca. 116 n. Chr.)

Text B Durs Grünbein

Hadrian3 hat einen Dichter kritisiert (1999) Lächelnd gab Favorinus nach, unterbrochen Vom Kaiser. Falsch sei der Ausdruck, Ein Makel in einem so schönen Gedicht. Sollte er recht behalten, nur weil er wußte, Wieviel besser sein Wort war? "0 Freunde, Wie dumm ihr doch seid, mich zu rügen, Mich hätte ein Machtwort gebeugt. Ihr begreift nicht, wie klug einer sein muß, Der dreißig Legionen im Rücken hat. An die Spitze gebracht hat ihn sein gutes Latein. Sein Urteil wird in Ägypten Stein, in Britannien. Sein Funken Kunstverstand Setzt von hier bis Achaia4 Bibliotheken in Brand."

3 Hadrian: römischer Kaiser (76 n. Chr. - 138 n. Chr.) 4 Achaia: eine Landschaft in Griechenland; zu Hadrians Zeit römische Provinz.

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