21. November 2012, 13:30 Probezeit im neuen Job Warum das erste halbe Jahr entscheidend ist

Nachspielzeit bei der Jobsuche: die Bewerbung war erfolgreich, der Vertrag ist unterschrieben. Doch dann kommt die Probezeit, ein echter Schleudersitz für die frisch Eingestellten. Die besten Tipps für die ersten Wochen.

Das Vorstellungsgespräch ist gut gelaufen, der neue Arbeitsvertrag ist unterschrieben - spätestens jetzt lassen die meisten die Sektkorken knallen. Doch Experten warnen: Mit der Unterschrift unter dem Vertrag ist der neue Job noch lange nicht in trockenen Tüchern. Erst muss man noch die meist sechsmonatige Probezeit überstehen - und daran scheitere mittlerweile jedes vierte bis fünfte Arbeitsverhältnis, schätzen Experten wie der Karrierecoach Jürgen Hesse aus Berlin.

"Das erste halbe Jahr ist ein Schleudersitz", erklärt er. "Man kann da ohne große Begründung jederzeit nach Hause geschickt werden." Und Stolperfallen gebe es gerade in den ersten Monaten zuhauf. So richtig beginne die Bewerbung um einen neuen Arbeitsplatz deshalb erst am ersten Arbeitstag, findet Martin Wehrle. "Das Vorstellungsgespräch ist eigentlich nur Vorgeplänkel", sagt der Karriereberater aus Appel bei Hamburg.

Entscheidend sei deshalb, die ersten Tage, Wochen und Monate in einem neuen Unternehmen sehr bewusst anzugehen. "Am Anfang muss man erstmal schauen, nach welchem Takt gespielt wird und welche Regeln gelten." Es gehe darum, sich über die Aufgaben, die Kollegen und die Vorgesetzten im Umfeld zu orientieren. "Wer sich sofort überall einmischt und ständig Verbesserungsvorschläge macht, wird von den Kollegen und Vorgesetzten schnell als Feind wahrgenommen."

In der Probezeit können Arbeitgeber einen fast von heute auf morgen rausschmeißen. Und davon machen sie immer häufiger Gebrauch, haben Wehrle und seine Kollegen beobachtet. Die Gründe für ein Scheitern seien vielfältig. Doch häufig sei der Auslöser, dass der Neue es nicht schaffe, sich in das bestehende Team einzugliedern. "Gerade am Anfang ist es wichtig, sehr bescheiden aufzutreten, kleine Brötchen zu backen, genau hinzuschauen und zu beobachten", sagt Hesse.

"Man kann sich da manchmal ein Beispiel an jungen Azubis nehmen: Wenn die ihre Ausbildung anfangen, wissen sie, dass sie erstmal der kleine Stift sind. Diese anfängliche Zurückhaltung fehlt Hochschulabsolventen oft." Ein Neuling sei einfach derjenige, der sich in ein bestehendes Team einfügen müsse. "Machen Sie sich nichts vor: Sie sind in der Probezeit das kleinste Glied in der Kette. Deshalb ist es ganz wichtig, die Mannschaft nicht gegen sich aufzubringen."

Die größte Herausforderung am Anfang ist, es allen recht zu machen. Der Chef erwartet, dass man fachlich tolle Leistungen liefert ohne aber gleich alles auf den Kopf zu stellen. Die Kollegen hoffen, dass der Neue ihnen Arbeit abnimmt - man darf sie aber auch nicht als Faulpelze dastehen lassen.

Konkret heißt das: Man sollte sich schon reinhängen und abends nicht als Erster nach Hause gehen. Aber man sollte auch nicht der Allerletzte sein, der abends Feierabend macht - oder am nächsten Morgen damit auftrumpft, dass man den ganzen Abend noch zu Hause gearbeitet hat.

Vor allem braucht man möglichst schnell ein Netzwerk. "Wer es wirklich gut machen will, der legt eine Kollegen- und Chefdatei an", sagt Christian Püttjer, Karriereberater in Bredenbek in Schleswig-Holstein. "Wichtig ist es, das System und seine Strukturen zu durchschauen. Von wem kriege ich Informationen? Wer trifft die Entscheidungen? Wer passt in mein Netzwerk? Bei welchen Kungeleien sollte ich mich lieber raushalten?" Diese Orientierung im neuen Team ergebe sich nicht von alleine, mahnt der Coach. "Das muss man sich erarbeiten." Ein solches Netzwerk helfe auch dabei, sich regelmäßig Feedback geben zu lassen und so Probleme früh zu erkennen.

Allerdings kann in der Probezeit nicht nur der Arbeitgeber kurzfristig kündigen - man selbst kann auch relativ kurzfristig die Sachen hinwerfen. Das komme gar nicht selten vor und könne manchmal sinnvoll sein, sagen die Experten. "Man muss sich klarmachen: Schwierigkeiten, die schon in der Probezeit auftreten, die werden sich im Laufe der Jahre noch massiv verstärken", sagt Wehrle.

Schon nach ein paar Monaten wieder auf der Straße zu stehen, macht sich aber nicht gut im Lebenslauf. Wenn es tatsächlich nur ein paar Wochen waren, kann man diese Episode noch geflissentlich verschweigen, sagt Püttjer. Aber wenn ein Arbeitsverhältnis erst nach sechs Monaten am Ende der Probezeit scheitert, wird das schwierig. "Wenn man selbst merkt, dass es mit der neuen Firma gar nicht klappt, sollte man deshalb überlegen, möglichst schnell wieder auszusteigen", rät er.

Aber auch das sollte überlegt sein. "Ganz wichtig ist dann, nicht einfach wutentbrannt alles hinzuschmeißen - das rächt sich immer. Man darf keine verbrannte Erde hinterlassen." Sonst ist der Ruf in der Branche schnell ruiniert. Hesse empfiehlt, in einer solchen Situation möglichst früh den Kontakt mit dem Vorgesetzten zu suchen. "Auch Arbeitgeber sind nicht alle aus Stein und reiben sich die Hände, wenn sie wieder jemanden in der Probezeit abgeschossen haben", sagt er.

Oft wisse auch der Chef, dass die Einarbeitung aus verschiedenen Gründen nicht gut gelaufen ist. Und manchmal könne man dann im gegenseitigen Einverständnis das Arbeitsverhältnis in einen Projektvertrag abändern, der plangemäß endet - ein wohlwollendes Arbeitszeugnis inklusive. Ansonsten rät Hesse, bei späteren Bewerbungen offen mit dem Thema umzugehen und zu signalisieren, dass man aus den Fehlern von damals gelernt hat. Da sei es wie in der Liebe. "Viele waren schon mal bis über beide Ohren verliebt - und nach dem dritten Rendezvous war es dann schon wieder aus."