5. Dezember 2012 13:38 Ehrenamt im Studium "Das ist eine tolle Erfahrung"

Von Verena Wolff

Einsatz ohne Bezahlung: Wer während des Studiums gemeinnützig arbeitet, sammelt Erfahrungen fürs Leben und Pluspunkte für den Lebenslauf. So wie Eva Mittereiter, die als Lehrerin nach Taiwan gegangen ist.

Studentin in Franken, Lehrerin in Taiwan: Eva Mitterreiter lehrt Kinder in der Provinz Englisch - aber nicht nur das.

Wenn Eva Mitterreiter morgens um 6.50 Uhr das Haus verlässt, ist es um sie herum stockfinster und schwülheiß. Vor ihr liegt wieder ein langer und arbeitsreicher Tag. Die 24 Jahre alte Studentin aus Franken arbeitet als ehrenamtliche Gastlehrerin in einer Primarschule in Beimen, südlich der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh. Das bedeutet sechs Wochen unermüdliches Arbeiten, für das sie nicht bezahlt wird. Doch sie will keine Minute davon missen: "Das ist einfach eine tolle Erfahrung."

Eigentlich ist Mitterreiter an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg im dritten Semester ihres Master-Studiums mit dem Schwerpunkt "Management industrieller Unternehmen". Nach dem Abschluss will sie - durchaus karriereorientiert - bei einem der Großen in der Branche einsteigen und sich mit Strategie, Internationalisierung oder Geschäftsentwicklung beschäftigen. Darauf hat sie zielstrebig und ehrgeizig hingearbeitet, Praktika und Studienaufenthalte in Boston und San Diego absolviert. Doch dann hatte sie für den Job in Taiwan eine bewusste Auszeit von ihrer zielstrebigen Karrierevorbereitung genommen.

Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement ist Mitterreiter nicht allein. Mehr als zwei Drittel der Studenten engagieren sich neben dem Studium gesellschaftlich. Das geht aus einer Studie des Hochschulforschers Lars Fischer hervor. Vor allem setzen sich die freiwilligen Helfer im Bereich der Jugendarbeit ein, in Sportvereinen und im Freizeitbereich. Auch in der Politik sind Studenten aktiv, oder sie arbeiten ehrenamtlich im Bereich Kultur.

Arbeitgeber sehen das Engagement gern

Doch ehrenamtlicher Einsatz nützt auch dem beruflichen Vorankommen etwas: Denn Arbeitgeber sehen es durchaus gern, wenn Bewerber mit einem derartigen Engagement aus der breiten Masse der Qualifizierten herausstechen. "Wenn jemand bei der Bergrettung oder in einem Verein mithilft, das bleibt hängen", sagt Michael Herz, Vorstand im Bundesverband Selbständiger Personalleiter.

Die Tätigkeit komme vor allem positiv an, wenn sie eine soziale Komponente beinhaltet, sagt er. Schließlich sage das außercurriculare Engagement einiges über die Person aus: "Wir suchen ja ein Individuum für die zu besetzenden Stellen und nicht eine völlig auswechselbare Person, die nur die erforderlichen fachlichen Qualifikationen hat." Aus seiner Erfahrung sind in Lebensläufen aufgelistete Ehrenämter allerdings rar: "Ich sehe vielleicht in einer von 50 Bewerbungen etwas in der Richtung."

Die Studienreform hat die Voraussetzungen für Ehrenämter erschwert: Es werde stets schwieriger, sich zu engagieren, sagt Georg Schlanzke vom Dachverband der Deutschen Studentenwerke. "Wir sehen, dass organisatorisch kaum noch Zeit bleibt für das Engagement."

Durch die Umstellung auf Bachelor und Master sei das Studium deutlich verschulter geworden und viel genauer getaktet, als dies noch in Zeiten von Diplom und Magister der Fall war. "Damit fehlt vielen Studenten schlicht die Zeit, sich in einem Verein oder auch an der Hochschule selbst einzubringen."

Mitterreiter ließ sich von all diesen Schwierigkeiten nicht abbringen. Ihre Wahl fiel auf die Arbeit mit Kindern, denn schon in ihrer fränkischen Heimat hatte sie sich neben Schule und Studium um die Förderung Minderjähriger gekümmert: "Ich gebe Schwimmkurse und Nachhilfe für Kinder." Sie informierte sich bei der internationalen Studentenorganisation AIESEC an ihrer Uni über Möglichkeiten, sich im Ausland zu engagieren. Die Tätigkeit in Beimen nennt sie einen Glückstreffer - auch wenn das Leben so ganz anders ist, als sie es aus Nürnberg gewohnt ist. "Ich bin in einer öffentlichen Schule in einem ärmeren Teil des Landes und ich wohne bei der Schulleiterin." Montags bis freitags arbeitet Eva elf Stunden am Tag und gibt Erst- bis Sechstklässlern Englischunterricht. Dazu kommt zusätzliche Betreuung nach Unterrichtsschluss: "Kinder, die dann noch nicht nach Hause können, weil sich wegen der vielen Arbeit aller Familienangehöriger niemand um sie kümmern kann, bleiben bis abends."

Bisweilen hilft ein ehrenamtliches Engagement auch schon während des Studiums weiter. So kann es etwa bei der Bewerbung für ein Stipendium ausschlaggebend sein (Lesen sie hier alles zum Thema Stipendienbewerbung.). Das hat Karin Kröger erlebt: Die Doktorandin war beinahe während ihres gesamten Studiums in Erfurt ein aktives Mitglied beim Kreisverband von Bündnis90/Die Grünen und Beisitzerin im dortigen Kreisvorstand. Zudem engagierte sie sich als studentische Vertreterin im Verwaltungsrat der Universität. "Dann war ich Gründungsmitglied der Campusgrünen und habe einen Arbeitskreis ,Antidiskriminierung' gegründet."

Neben dieser Arbeit hat sich Kröger lange als Tutorin für ausländische Studenten engagiert. Für sie war es wichtig, "etwas außerhalb der Uni zu haben und die Stadt, in der ich lebe, zu verstehen." Gleichzeitig wollte sie die Uni nicht nur als Studentin kennenlernen, sondern auch in der Institution mitwirken.

Berechnung schadet eher

Eva Mitterreiter möchte die Erfahrungen nicht missen, die sie während ihres Aufenthaltes in Taiwan gemacht hat.

(Foto: )

Als sie sich für einen Studienaufenthalt in den USA um ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes bewarb, wurde ihr Engagement bemerkt: "Das hat mir sicher geholfen." Auch sonst wirkt sich ihr Einsatz bereits vor dem Abschluss ihrer akademischen Laufbahn positiv aus: Sie habe, erklärt sie, Angebote bekommen, für die Grünen zu arbeiten.

Doch sie hält es für entscheidend, dass das eigentliche Interesse an der Tätigkeit selbst bestehen müsse: "Ich habe mich nie aus der Absicht heraus engagiert, damit einen Job zu bekommen." Wer ein Ehrenamt annimmt, nur um im Lebenslauf damit punkten zu können, sollte wohl lieber gar nicht erst antreten. Denn es braucht viel Zeit und Energie, um die zusätzliche Belastung auszuhalten. Oft kommt ein klassischer Studentenjob dazu, der das monatliche Budget aufbessern soll.

Auch Mitterreiter hat sich nicht aus Berechnung für den "Pluspunkt im Lebenslauf" entschieden. Genau das könnte wiederum der Grund sein, warum ein Personaler diese Zeit möglicherweise als besonders positiv einschätzen wird.