26. Januar 2013 10:57 Auswandern für den Job Kind in China, Karriere in Deutschland

Von Edeltraud Rattenhuber

Als Yan He nach Deutschland kam, hörte sie zum ersten Mal das Wort "Rabenmutter". Denn die Chinesin hatte ihr Kind in der Heimat zurückgelassen, um in der Ferne Karriere zu machen. Eine Geschichte über ungewöhnliche Familienbande, Opfer und Erfolg.

Als Yan He vor 14 Jahren nach Deutschland kam, tat sie etwas, das in den Augen ihrer chinesischen Mitmenschen keinesfalls verwerflich war: Sie ließ ihren neun Jahre alten Sohn in China zurück bei dessen mittlerweile von ihr geschiedenem Vater und den Schwiegereltern.

Diese kümmerten sich rührend um den Sohn, doch das wiederum kümmerte in Deutschland niemanden. Hier wurde sie mit dem Wort "Rabenmutter" konfrontiert. Sie hörte es zum ersten Mal. Im Deutsch-Unterricht an der Uni in China hatte sie das nicht gelernt. Der Vorwurf sei aber scherzhaft gewesen, meint sie heute.

Da muss die 47-Jährige wohl etwas falsch verstanden haben. Erst kürzlich hat eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung festgestellt, dass in Deutschland das kulturelle Leitbild vorherrscht, eine "gute Mutter" sei eine Mutter, die zu Hause bei den Kindern bleibe.

Wenn Großeltern zu Ersatzeltern werden

In China allerdings runzelte damals, Ende 1998, niemand die Stirn über eine solche Lebensplanung. Dort sind es bis heute sehr oft die Großeltern, die den Generationenvertrag sehr ernst nehmen und sich daher um die Enkel kümmern, während die Eltern ihren Berufen nachgehen. Im Gegenzug erwarten die Großeltern, dass sie im hohen Alter von der Familie gepflegt werden.

Yan He nutzte derweil die Öffnung des Landes, um ihre berufliche Karriere zu beginnen. Heute sitzt sie im Konferenzraum von Pro Sieben Sat 1 in München-Unterföhring und blickt auf eine stolze Laufbahn zurück, ein wenig verwundert über sich selbst, die kleine Chinesin vom Lande, die es so weit gebracht hat.

Yan He arbeitet als Senior Vice President Asia Pacific, Middle East und Africa, so lautet ihr gesamter Titel, für den Programmvertrieb des Medienunternehmens. Gerade hat sie ein Büro in Hongkong aufgemacht und mehrere Formate nach China verkauft. Die Sendungen Mein Mann kann und Clever mit Wigald Boning liefen dort erfolgreich im Fernsehen. Auch Galileo begeistert die Chinesen. Pro Sieben Sat 1 sieht dort einen großen Wachstumsmarkt, Yan He ist die Türöffnerin.

Um zu verstehen, welchen großen Sprung Yan He hinter sich hat, muss man sich anschauen, wo sie herkommt. Die südostchinesische Küstenprovinz Zhejiang ist zwar heute wirtschaftlich eine der erfolgreichsten Chinas, doch in Yan Hes Kindheit war man im "Land des Fisches und des Reises" arm, zumal dann, wenn man in den unzugänglichen Bergen lebte.

Zudem sah sich Yan He als kleines Mädchen auch aus gesellschaftlichen Gründen eher vor geschlossenen Türen stehen. In ihrem Heimatdorf Longyou wütete noch die Kulturrevolution, als sie 1971 zur Schule kam. Die Großeltern waren einst sogenannte Großgrundbesitzer gewesen - also Bauern, die etwas mehr besaßen als andere. Der Großvater wurde enteignet, musste daraufhin Straßen fegen. Der Vater, ein Intellektueller, durfte nicht studieren, er war Lehrer im Ort.

Yan He sagt aber, sie habe nicht sehr unter der Drangsal leiden müssen. Sie seien arm, aber glücklich gewesen. "Wir waren schon mit sehr wenig zufrieden."

Ihr heute erwachsener Sohn scheint sich ebenfalls leicht in neue und durchaus schwierige Situationen fügen zu können. Als er eineinhalb Jahre nach Yan Hes Aufbruch in den Westen nach Deutschland kam, besuchte er sofort eine normale Grundschule. Dass er kein Wort Deutsch sprach, habe sie beunruhigt, meint He, aber "ich hatte keine Wahl". Mei banfa, heißt das auf Chinesisch.

Das Glück des Sohnes war, dass er gut war in Mathe. Und dass seine Mutter wusste, wie er sich trotz fehlender Wörter ins Gespräch bringen konnte. Sie kaufte ihm einen Gameboy, damals ein begehrtes Kultobjekt. "So konnte er mit seinen Klassenkameraden auch ohne Worte kommunizieren", sagt Yan He. Heute studiert er in München Informatik und ist in beiden Kulturen zu Hause. Als sie ihn einmal darauf angesprochen habe, ob er gelitten habe, sagte er angeblich nein, und zudem, na was? "Mei banfa."

Yan He hat oft die Branchen gewechselt. Vor neuen Aufgaben hatte sie keinerlei Scheu, immer habe sie sich gesagt: Da kann ich etwas lernen. Sie schlug die klassische Karriere einer begabten Chinesin jener Generation ein, die in den späten Sechzigerjahren zur Welt kam. Unbelastet von der schlimmsten Phase der Kulturrevolution konnte diese Generation studieren und sich in den expandierenden Markt stürzen. Privatisierung und Öffnung nach außen waren die Zauberworte.

Branchenspezifische Wörter kann sie noch heute fehlerlos

Noch von der Uni wurde die Deutsch-Studentin von Volkswagen Shanghai engagiert, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin eingestellt wurde. Sechs Jahre arbeitete sie bei dem Autokonzern. Montagelinie, Rohbaulinie, Lackiererei, Motorenwerk - diese branchenspezifischen Wörter kann sie auch heute noch fehlerlos. Dann wechselte sie zur Dresdner Bank in Shanghai und schließlich in ein britisches Unternehmen.

Per Zufall nahm sie 1999 eine Freundin mit zu einer Fernsehmesse in Shanghai, wo sie auf Leute der Kirch-Gruppe traf, die ihr sofort ein Angebot machten. Sie überlegte nicht lange, ging nach Deutschland, arbeitete zunächst als Assistentin des Marketingleiters bei Kirch-Media und wurde 2002 in die Programmvertriebsabteilung von Beta-Film versetzt. 2004 kam sie in den Programmvertrieb für den asiatischen Raum der Pro-Sieben-Sat-1-Tochter Red Arrow International.

Am 2. Februar fliegt sie wieder nach China. Sie lebt hier und dort. Wo sie zu Hause sei? Mittlerweile mehr hier als dort, sagt sie. Und lacht.