Von Heidrun Graupner

Der Durchschnitts-Angestellte hat im vergangenen Jahr 11,5 Arbeitstage wegen Krankheit gefehlt. Alarmierend: Psychische Störungen sind die einzige Krankheitsart, bei der die Fehltage angestiegen sind.

Der Krankenstand ist in Deutschland auf ein historisches Tief gesunken. 2005 wurden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums 3,3 Prozent der Arbeitnehmer krankgeschrieben. Dies ist der niedrigste Stand seit Einführung der Lohnfortzahlung 1970. In den siebziger Jahren lag die Quote bei mehr als 5 Prozent, in den achtziger Jahren zwischen 4,4 und 5,7 Prozent. 2004 betrug sie 3,4 Prozent. Der niedrige Krankenstand führt einer Ministeriumssprecherin zufolge "zu einer deutlichen Entlastung der Arbeitgeber durch sinkende Lohnnebenkosten". Bereits 2004 hätten sich die Kosten der Lohnfortzahlung um eine Milliarde Euro vermindert. Der Trend habe sich 2005 fortgesetzt.

Anzeige

Den Tiefststand bestätigte auch der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK). Nach einer BKK-Studie, für die die Befunde von sieben Millionen Versicherten - also von einem Viertel der Arbeitnehmer in Deutschland - untersucht wurden, fehlten die Beschäftigten in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres im Durchschnitt 11,5 Kalendertage.

Das waren 0,4 Tage weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. "Damit ist zu erwarten, dass für das gesamte Jahr 2005 der bisherige Tiefststand von 13 Tagen Arbeitsunfähigkeit aus dem Jahr 2004 noch unterboten wird", sagte BKK-Sprecherin Christine Richter. Die Zahlen aller Erkrankungen seien rückläufig, ausgenommen die der psychischen. Sie liegen derzeit nach Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Atemwegsleiden und Verletzungen an vierter Stelle. Seit dem Jahr 1998 hat sich die Zahl der psychischen Leiden verdoppelt.

Angst um den Job

Leicht zugenommen haben Kurzzeiterkrankungen von bis zu drei Tagen. Sie machen mittlerweile 36 Prozent aller Fälle aus, im Jahr 2000 waren es noch 32 Prozent. Erhöht hat sich gleichzeitig die Zahl der Beschäftigten, die sich überhaupt nicht haben krankschreiben lassen. 43 Prozent gaben in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres keine Krankmeldung ab, 2003 waren es noch vier Prozent weniger.

Drei Hauptursachen sieht BKK-Sprecherin Richter für diesen Wandel beim Krankenstand. Zum einen ist es die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt und der Druck, der auf den Arbeitnehmern lastet. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Zudem haben immer mehr Unternehmen eine junge und damit gesündere Belegschaft. Ältere Beschäftigte wurden in den Ruhestand geschickt, viele Arbeitsverhältnisse wegen einer langen Erkrankung aufgelöst. Verändert hat sich außerdem die Struktur der Arbeitsplätze: Es gibt immer mehr Dienstleistung und immer weniger körperlich harte Arbeit. Bankangestellte beispielsweise sind im Durchschnitt nur halb so oft krank wie Müllwerker.

Leser empfehlen