Lieber nackt statt laut: Bremer Studenten demonstrieren mit einem Aktkalender gegen die Studienbedingungen an ihrer Hochschule. Mit dem Erlös wollen sie Fachliteratur kaufen.

Gestreikt haben sie schon, demonstriert ebenfalls. Gebracht hat es nichts. Jetzt gehen Sportstudenten an der Universität Bremen einen neuen Weg, um etwas gegen schlechte Studienbedingungen und drohende Studiengebühren zu unternehmen: Unter dem Motto „Wir geben unser letztes Hemd für die Bildung“ lassen sie für einen Foto-Aktkalender alle Hüllen fallen.

Irgendwann bei den Protesten der vergangenen Wochen sei die „fixe Idee“ für diesen Semester-Aktkalender entstanden, erzählt Nina Juretzek. Das Interesse der Studierenden, dafür Modell zu stehen, war groß. „Wir hatten wesentlich mehr Interessenten als auf den Kalender kommen können“, sagt die 24-Jährige, die Sport und Kunst studiert. „Ausgewählt wurde nach Sportarten.“ Zu sehen werden Studentinnen und Studenten zum Beispiel mit Fußball, Diskuss und Hanteln oder am Schwebebalken und im Rhönrad sein.

Zum ersten Mal Modell

Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstanden in der Uni-Sporthalle. Mit einem Theatervorhang schufen die Profifotografen Sonja Hünecken und Michael Inselmann Studioatmosphäre. Sie ließen sich schnell von den Studenten und ihrem Projekt überzeugen. „Die haben offene Türen eingelaufen“, erinnert sich Inselmann. „Wir wollten ohnehin unbedingt mal einen Aktkalender machen - nicht so billiges Pin-up-Zeug, sondern echte Kunst.“ Probleme mit den unerfahrenen Fotomodellen gab es nicht. „Wir sind Aktfotografen und arbeiten immer mit Modellen, die zum ersten Mal vor der Kamera stehen.“

»Ich war sehr geschafft danach.«

So wie jetzt Martin Seyer, der diese Form des Protestes „einfach kreativ“ findet. „Das ist etwas anderes als womöglich randalierend durch die Stadt zu rennen“, sagt der 23-jährige Sport- und Musikstudent. „Ich war sehr geschafft danach“, erinnert er sich. Auch Christina Behr hat sich entblättert. Sie studiert Religion und Kunst und ist damit die einzige Nicht-Sportlerin auf dem Kalender.

Mitgemacht hat sie, „weil die Aktion supergut ist und wir damit unsere Message gut transportieren können“, sagt die 23- Jährige. „Dafür bin ich notfalls auch bereit, mich auszuziehen.“ Die „Message“ lautet zum Beispiel, dass immer weniger Professoren für immer mehr Studenten da sind. „Mittlerweile haben wir nur noch drei Professoren für 1200 Studierende“, erzählt Juretzek. Eine andere „Message“ ist, dass in der Bibliothek des Fachbereichs oft gerade die Bücher ausgeliehen sind, die die Studierenden brauchen. Mit den Einnahmen aus dem Kalenderverkauf - 19,90 Euro je Exemplar - wollen sie daher eine kleine Präsenzbibliothek mit aktueller Fachliteratur aufbauen.

Damit für den guten Zweck möglichst viel Geld übrig bleibt, haben die Fotografen auf ihr Honorar verzichtet. Vom Erlös bekommen sie nur einen minimalen Anteil zum Begleichen ihrer Kosten.

Bislang liegen laut Juretzek an die 400 Bestellungen vor. Der großformatige Kalender geht von April 2004 bis März 2005, umfasst also das nächste Sommer- und Wintersemester. Jedes Monatsblatt ist beidseitig bedruckt - mit einem weiblichen und einem männlichen Akt. „Manche Leute haben gleich zwei Kalender bestellt, damit sie das Frauen- und das Männerbild gleichzeitig aufhängen können“, weiß Juretzek.

(dpa, von Ulrich Steinkohl)