"Mischung aus Frust, Zorn und Ohnmacht": Der Soziologe Michael Hartmann über den Widerstand an den Unis.

"Rote Karte": Ein Student demonstriert in Hamburg gegen die Einführung von Studiengebühren. (Foto: dpa)

Michael Hartmann, 53, ist Professor an der Technischen Universität Darmstadt. Der Soziologe forscht unter anderem über Eliten und auch speziell zu Studiengebühren.

SZ: Sind die jüngsten Studentenproteste Ausdruck einer Politisierung, wie die Studentenverbände frohlocken, oder nur Randale, wie die Polizei meint?

Hartmann: Sie sind zunächst Ausdruck der besonderen hessischen Verhältnisse. In Hessen werden Studiengebühren zum ersten Mal tatsächlich als Bedrohung empfunden. In anderen Bundesländern sollen die Studenten zur Zeit 500 Euro pro Semester zahlen, das halten viele für irgendwie noch machbar. In Hessen wird man bis zu 1500 Euro zahlen müssen, das sind 250 Euro im Monat. Damit ist der Bogen überspannt, und das führt durchaus zu einer Politisierung.

 
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SZ: Worin zeigt die sich?

Hartmann: Etwa darin, dass in einer Stadt wie Darmstadt bei zwei Demonstrationen jeweils mehr als 4000 Studenten auf die Straße gehen. Das hat es seit 25 oder 30 Jahren nicht gegeben. Noch wichtiger ist, dass man beginnt, über die Hochschulen hinauszudenken. Die meisten Demonstranten haben zwar keine gesellschaftspolitischen Utopien, das unterscheidet 2006 von 1967. Aber zumindest ein Kern fragt sich, was in Deutschland alles schief gelaufen ist in den letzten Jahren. Und viele haben die doch sehr politische Erfahrung gemacht: Mit denen da oben kann man nicht reden!

SZ: Inwiefern nicht?

Hartmann: Das Gefühl der Bedrohung, aber auch die inhaltliche Kritik an Studiengebühren werden schlicht nicht ernst genommen. Das gilt nicht nur in Hessen, hier aber besonders, wo die Landesregierung ihr Gebührengesetz jetzt im Eiltempo durchs Parlament bringt. Das führt zu einer Mischung aus Frust, Zorn und Ohnmacht, die dann noch verstärkt wird, wenn die Polizei ein hartes Vorgehen gegen Proteste ankündigt.

SZ: Provozieren die Studenten dieses Vorgehen denn nicht mit ihrer Gewalt?

Hartmann: Gewalt steht ganz sicher nicht im Vordergrund. Man hat erkannt, dass man anders protestieren muss als vor zwei, drei Jahren gegen die Gebühren für Langzeitstudenten. Vorlesungsboykotts oder Happening-Aktionen werden wahrgenommen, bringen aber nichts. Viele sagen jetzt, man muss Druck entfalten, etwa indem man in Frankfurt die Autobahnzubringer blockiert, am besten noch während nebenan die Fußball-WM läuft. Mehr Aufmerksamkeit kann man ja gar nicht haben.

SZ: Bei der Demonstration in Wiesbaden waren auch viele Schüler dabei. Gibt es da einen Schulterschluss beim Protest?

Hartmann: Ganz sicher! Ältere Schüler sind von den Gebühren ja noch mehr betroffen als etwa ältere Studenten. Sie müssen sie auf jedem Fall und für ihr ganzes Studium bezahlen. Aber auch bei vielen Eltern sind die Gebühren ein Thema.

SZ: Ende Juli gibt es Semesterferien. Geht damit auch der Protest und die neue Politisierung zu Ende?

Hartmann: Das könnte ein Einschnitt sein, weil die Landesregierung bis zum Wintersemester vollendete Tatsachen geschaffen haben könnte. Was die Politisierung angeht, so ist nicht auszuschließen, dass sich etwas Längerfristiges entwickelt. Aber ob das so ist und ob es Breitenwirkung hat, lässt sich noch nicht sagen.

Interview: Marco Finetti

(SZ vom 29.6.2006)

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