Teurer Turbo für begehrte Jobs: Neue Master-Programme bereiten auf Karrieren in Politik und Verwaltung vor.
Die Führungskräfte von morgen sollen dort lernen, wo die Elite von gestern residiert hat: im Staatsratsgebäude der früheren DDR im Herzen Berlins. Doch noch wird der klobige Riegel renoviert. Daher hat sich die Hertie School of Governance bis Januar in einem weniger geschichtsträchtigen, dafür aber hübscheren Haus einquartiert, fünf Minuten entfernt vom Machtzentrum des untergegangenen Arbeiter-und-Bauern-Staates. Hier unterrichtet die private Hochschule des Regierens, so die Übersetzung, seit zwei Wochen den ersten Jahrgang des neuen Aufbau-Studiengangs "Master of Public Policy".
Public Policy bedeutet so viel wie Politik und öffentliche Ordnung. Das zweijährige englischsprachige Programm will Akademiker, die bereits Berufserfahrung haben, praxisnah und fächerübergreifend vorbereiten für eine Karriere in Politik, Verwaltung und internationalen Organisationen. "An den Schnittstellen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft brauchen wir qualifizierten Nachwuchs", sagt Michael Zürn, der Rektor des Instituts: Politikwissenschaftler, die Bilanzen lesen können, oder Ökonomen, die sich mit Parteigremien auskennen.
Die Absolventen könnten mit ihrem breiten Wissen das 150 Jahre währende Juristenmonopol in Deutschlands Amtsstuben beenden, jubelte Kurt Biedenkopf, einst Sachsens CDU-Ministerpräsident und nun Kuratoriumsvorsitzender der Schule, als die Hertie-Stiftung 2003 die Pläne für die Universität und den Studiengang vorstellte. Das vermeintliche Monopol der Rechtskundigen in Behörden haben zwar auch schon traditionell ausgebildete Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler gebrochen - dennoch legten gleich mehrere Hochschulen in den vergangenen Jahren fächerübergreifende Studiengänge für das Handwerk des Regierens auf. Seit 1999 bietet etwa die Universität Potsdam einen "Master of Public Management" an, also für öffentliche Verwaltung, und im Oktober startet dort die Ausbildung zum "Master of European Governance and Administration".
Streit mit Geldgebern
Die Universität Konstanz hat sich von ihrem ehrwürdigen Diplom in Verwaltungswissenschaften verabschiedet und daraus einen "Master of Public Policy and Management" entwickelt. An der Fern-Universität Hagen und in Erfurt wird ebenfalls angewandte Politik gelehrt. Ein gemeinsames Projekt der Berliner Humboldt-Universität und der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder ist dagegen ins Stocken geraten. Die beiden Hochschulen haben eine School of Governance gegründet, die eigentlich schon im vergangenen Herbst Studenten aufnehmen sollte. Doch es gab Streit mit den privaten Geldgebern, die Spender wollten die Ausbildungsinhalte beeinflussen. Nun sucht die Einrichtung neue Mäzene, erste Gespräche verliefen "erfolgversprechend", heißt es. Die Humboldt-Universität wird zum Jahreswechsel Bilanz ziehen und entscheiden, ob sie dem Vorhaben in der geplanten Form eine Zukunft gibt.
Die gestrauchelte School of Governance will ihr Programm ebenfalls "Master of Public Policy" taufen. Dass alle Angebote englische Namen tragen, verweist auf die Vorbilder. In den USA und Großbritannien, aber auch in Frankreich, Italien und den Niederlanden rekrutieren Verwaltung und Politik ihren Nachwuchs schon länger von so genannten Professional Schools. Beispiele dafür sind die London School of Economics and Political Science, die John F. Kennedy School of Government in Harvard oder die Ecole nationale d"administration in Straßburg und Paris.
Wie diese setzen die deutschen Einrichtungen bei der Lehre auf Fallstudien - die Schüler sollen nicht für die Wissenschaft, sondern die Praxis vorbereitet werden. Die Programme von Hertie School und Co. seien folglich keine Konkurrenz zum klassischen Politologie-Studium, sondern eine Ergänzung, meint Thomas Risse, Politik-Professor und Dekan an der Freien Universität Berlin. Zudem könnten die Angebote die Abwanderung hiesiger Akademiker stoppen: "Vorher mussten Spitzen-Absolventen für das Aufbaustudium ins Ausland gehen und kamen oft nicht zurück."
Bonus als Bewerber
Die Orientierung an der Berufspraxis ist für Uta Kletzing der wichtigste Unterschied zwischen dem Programm der Hertie School und ihrem früheren Studium. "Außerdem ist die Arbeitsbelastung deutlich größer", sagt die 30-Jährige, die seit Anfang September an dem Berliner Institut lernt. Jede Woche werde über 50 Stunden gebüffelt. Dafür sind die Kurse klein: Neun eigene Professoren plus Gastdozenten unterrichten die 30 Teilnehmer des ersten Jahrgangs. Ab 2008 sollen 15 Lehrkräfte 160 Studenten die Kniffe des Regierens näher bringen.
Uta Kletzing war nach einem Psychologiestudium zwei Jahre für das Bundesfamilienministerium tätig. Mit dem Master of Public Policy wolle sie Wissenslücken im Verwaltungsbereich schließen, erklärt sie. Die Hertie School unterrichtet Jura, Politik, Managementlehre und Soziologie - und trainiert Fähigkeiten wie Gesprächsführung oder Verhandeln. Nach dem Abschluss strebe sie eine Karriere im Staatssektor oder bei internationalen Organisationen an, sagt Kletzing. Die Chancen der Absolventen dieser Programme seien nicht schlecht, heißt es im Auswärtigen Amt. Der Master-Titel stelle einen Bonus bei der Vorauswahl der Bewerber für den diplomatischen Dienst dar. Auch internationale Arbeitgeber wie die EU sähen die Abschlüsse gern.
Für diese Aussichten greifen manche Studenten tief in die Tasche. Zwar wird an der Fern-Universität Hagen und in Konstanz gebührenfrei das Handwerk des Regierens gelehrt. An der Universität Erfurt kostet der Master-Abschluss jedoch 6000 Euro, in Potsdam 8385 Euro und bei der Hertie School - der einzigen Privat-Hochschule, die den Titel anbietet - gar 20.000 Euro. Allerdings erlassen die Berliner mindestens zwei Dritteln ihrer Schüler den Beitrag. Und im internationalen Vergleich sind die deutschen Programme immer noch wahre Schnäppchen. Daher locken die meist englischsprachigen Studiengänge viele Teilnehmer aus dem Ausland an. So stammen bei der Hertie School 17 von 30 Studenten aus der Fremde.
Die Hertie-Stiftung fördert die Einrichtung, die kein Geld vom Staat erhält, bis 2008 mit 25,6 Millionen Euro. Dann muss die Schule weitere Sponsoren gefunden haben. Ein neuer Mäzen könnte auch den Namen Hertie School ändern. Das hätte zumindest einen Vorteil: Bei Nennung des Namens würde man nicht mehr zuerst an eine Bildungsstätte für Kaufhauspersonal denken.

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