100 Jahre Zeit. 26 Milliarden Dollar. Und lebenslange Treue: Warum Harvard so viel mehr ist als nur die beste aller Universitäten.
Foto: The Coop Harvard
Die anderen amerikanischen Universitäten müssen sich Harvard gegenüber immer so vorkommen wie der Hase im Wettlauf mit dem Igel: Egal, was sie versuchen, egal wie sehr sie sich anstrengen, Harvard ist ihnen immer voraus. The Economist setzte im globalen Vergleich aller Universitäten Harvard vor kurzem mal wieder an die erste Stelle. Und vor drei Jahren wurde in einer amerikanischen Umfrage nach der Marke gesucht, die weltweit das größte Vertrauen genießt. Eindeutiger Sieger vor Giganten wie Microsoft und Coca Cola: Harvard.
Natürlich ist Harvard eine Elite-Universität, die diesen Namen wahrlich verdient. Hier unterrichten die besten der Besten. Einmal, im Vorlesungssaal, während alle auf den Nobelpreisträger Amartya Sen warteten, sagte ein Doktorand im Herbst 2005 auf die Frage, wie es ihm hier gefalle: ,,Oh, gut, mir gehen nur all diese Nobelpreisträger auf den Keks.‘‘ Sen kam eine halbe Stunde zu spät, er hatte CNN noch ein Interview gegeben. ,,Verstehst Du jetzt, was ich meine‘‘, zischte der Doktorand. Auf die Frage, ob er hier Freunde habe, sagte er: ,,Freunde? Das ist schwer. Zuviele zukünftige Nobelpreisträger.‘‘
Eine Woche später erhielt Roy J. Glauber den Nobelpreis für Physik. Sein Institut machte eine kleine spontane Feier, es gab Orangensaft und Sekt, dann wurde weitergearbeitet, ein Professor sagte, wozu die Aufregung, sie seien weltweit das Institut mit der höchsten Nobelpreisträgerdichte, man könne ja nicht jedes Jahr aus dem Häuschen geraten. ,,Außerdem war’s nur ein halber, er teilt den Preis ja mit Theodor Hansch.‘‘
Glamour und Macht
Täglich wird der Weltgeist, wenn er nicht ohnehin hier unterrichtet, aus allen Kontinenten eingeflogen. Einmal entspann sich mittags unter einigen Stipendiaten und Doktoranden ein geradezu groteskes Gespräch darüber, zu welcher lebenden Legende man pilgern solle am Abend. Zeitgleich hielten da Tony Judt, Eric Hobsbawm, Ken Livingston, Richard Sennett, Haruki Murakami und Vaclav Klaus irgendwelche Vorträge.
Aber all das macht aus Harvard noch nicht die einmalig attraktive Marke. Die Universität zahlt eine Million Dollar Anwaltskosten jährlich, nur um den eigenen Namen zu schützen. Mit gutem Grund: Das Manipal Institute of Technology wirbt damit, es sei das Harvard of India. Eine Universität in Israel nennt sich Harvard of Haredin. Und rund 50 Universitäten in den USA behaupten, sie seien das Harvard des Westens, Nordens oder Südens. Ganz zu schweigen von Unternehmen, die sich als ,,Harvard der Hundeschulen‘‘ (San Francisco Academy for Dog Trainers) oder ,,Harvard der Pilateslehrerausbildungzentren‘‘ (Yoga Center, Boulder, Colorao) bezeichnen.
Allein in Japan setzt Harvard jährlich 30 Millionen Dollar mit seinen Shirts, Sonnenbrillen und Kappen um. Michael Chesler, der sich um die internationalen Lizenzen für den Universitäts-Nippes kümmert, sagt, die Leute in Asien kauften diese Produkte nicht, weil sie an Harvard als Ivy-League-Universität denken. ,,Harvard ist mehr als eine Universität. Harvard ist ein Standard, der Gold-Standard der Bildungsindustrie. Der Name Harvard strahlt Exzellenz aus.‘‘
Harvard ist die reichste Universität der Welt. Sie verfügt über ein Stiftungsvermögen von 26 Milliarden Dollar. Die werden verwaltet und reinvestiert wie bei anderen Global Players auch. Man muss nur mal im altehrwürdigen Faculty-Club der Universität mitbekommen, wie am Nachbartisch ein Vice-President einigen Gönnern etwas über Produktentwicklung, Marktakzeptanz und Kundenservice erzählt, um zu begreifen, dass Harvard wie ein Großunternehmen wirtschaftet.
In Amerika hat die Marke Harvard außerdem einen unique selling point, den ihr niemand streitig machen kann: Die Vergangenheit. All die wunderschönen ziegelroten Gebäude verströmen den Stolz darauf, dass dies mit dem Gründungsjahr 1639 die älteste Universität der Vereinigten Staaten ist, älter als die USA selbst. Bevor der Eisenbahnmagnat Lelan Stanford ,,seine‘‘ Universität in Kalifornien gründete, pilgerte er nach Harvard und fragte dessen Dekan Charles Eliot, was man denn brauche für eine wirklich gute Universität. ,,20 Millionen Dollar‘‘, sagte Eliot. ,,Kein Problem‘‘, erwiderte Stanford zufrieden. Eliot schaute hinaus auf den gepflegten Campus, auf dem die uralten Platanen gerade ihre Blätter abwarfen und fügte hinzu: ,,Und 100 Jahre Zeit‘‘.
Aber weder der Reichtum noch die mondäne Vergangenheit ist das wichtigste Pfund, mit dem die Universität wuchern kann. Das Entscheidende an der Marke Harvard ist nicht käuflich. Denn das wahre Kapital heißt Treue. 600 Leute kümmern sich für Harvard hauptberuflich um alte Alumni und neue Sponsoren. Die Universität richtet jährlich Reunions für die Ehemaligen aus und lädt die Eltern der Erstsemester im Herbst für mehrere Tage ein. Es ist beeindruckend zu sehen, mit welch leutseligem Stolz ehemalige Studenten in diesen Tagen über den Campus ,,ihrer‘‘ Universität wandeln.
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