Von Tanjev Schultz, Marco Finetti

Ist der Bewerber fürs Studium geeignet? Die Hochschulen entscheiden darüber ganz unterschiedlich: Die einen setzen auf Individualität, andere auf Massentests.

»Seien Sie doch einfach persönlich!«

Auf "Inszenierungsleistungen" mögen sie doch bitte verzichten, mahnt Stephan Jansen die Kandidaten, die an diesem Märztag zum Auswahlgespräch der Zeppelin University nach Friedrichshafen gekommen sind. "Seien Sie doch einfach persönlich hier!", sagt der Präsident der privaten Hochschule am Bodensee. Für die 16 Kandidaten, die von 242 schriftlichen Bewerbungen übrig geblieben sind, wird es ein anstrengender Tag werden. In Kleingruppen müssen sie ein Personalkonzept für die Stadtverwaltung erarbeiten, es folgen Englisch- und Kognitionstests und zwei lange Einzelgespräche mit der Auswahlkommission.

Und hier geht es tatsächlich sehr persönlich zu. Er jobbt für eine Firma, die Penisverlängerungen vertreibt, erzählt ein Kandidat - und wird in eine Diskussion über Doppelmoral und Kapitalismus verwickelt. Eine Bewerberin bekommt feuchte Augen, als sie ihre schwierigen Familienverhältnisse offen legt. Zwischendurch provoziert Jansen die Kandidaten: "Sie haben gerudert? Aber sonst zeigen sie ja Begabten-Indizien - ich fand Rudern immer primitiv."

Jansen nennt das Auswahlverfahren seiner Uni, die Studiengänge in Wirtschafts-, Kommunikations- und Kulturwissenschaft anbietet, "hochsubjektiv". Noten seien nicht entscheidend. "Wir sind an Ihnen persönlich interessiert", versichert er den Bewerbern.

Ohne großen Aufwand

So viel Zeit und Mühe wie die kleine Zeppelin University bringen bisher nur wenige deutsche Hochschulen für die Auswahl ihrer Studenten auf. "Viel hat sich noch nicht getan", sagt Kolja Briedis vom Hannoveraner Hochschul-Informations-System (HIS), der dazu in der vergangenen Woche erste Ergebnisse einer Studie vorstellte.

287 der rund 330 deutschen Hochschulen, die auf Briedis" Fragebogen antworteten, bieten insgesamt 7989 Studiengänge an. Immerhin für 3888 Studiengänge finden Auswahlverfahren statt - bei denen es jedoch zumeist sehr formal zugeht. Das gebräuchlichste Kriterium ist nach wie vor die Abiturnote, die in 81 Prozent aller Verfahren herangezogen wird, gefolgt von der Wartezeit (34 Prozent) und beruflichen Erfahrungen des Bewerbers (21 Prozent). Bei jedem dritten Studiengang wird die Gesamtnote einfach mit der Wartezeit kombiniert - und schon stehen die kommenden Studenten fest. "Im Vordergrund stehen eindeutig Kriterien, die auf dem Papier und ohne großen Aufwand abgearbeitet werden können", sagt der HIS-Forscher und macht dafür vor allem den Personal- und Zeitmangel an den überlasteten Hochschulen verantwortlich.

Eignungsprüfungen gibt es derzeit in nur 19 Prozent der Studiengänge, Auswahlgespräche oder Interviews nur in acht Prozent. Briedis findet es erstaunlich, dass selbst in den meisten Sprach-Studiengängen auf Tests verzichtet wird. "Allerdings bewegt sich etwas", hat Briedis festgestellt. Die von ihm befragten Hochschulen planen für mehr als 300 weitere Studiengänge neue Auswahlverfahren - und von ihnen sollen viele stärker auf die Persönlichkeit der Bewerber und die Profile der Hochschulen und Fächer zugeschnitten sein.

Seit vergangenem Jahr dürfen die Hochschulen in bundesweiten Numerus-clausus-Fächern wie Medizin und Psychologie 60 Prozent ihrer Studienplätze selbst vergeben, die übrigen 40 Prozent verteilt die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund. Diese neue Freiheit der Universitäten bringt nun auch eine Renaissance des alten "Medizinertests" - jener standardisierten Eignungsprüfung für Medizinstudenten, die bis 1998 bundesweit üblich war. Die baden-württembergischen Universitäten haben angekündigt, den Test im kommenden Jahr wieder einzuführen.

Außerdem soll es bald einen einheitlichen "Psychologentest" geben, den Experten der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGP) entwickelt haben. In diesem Herbst sollen sich die ersten Bewerber für ein Psychologie-Studium der Prüfung stellen. Geplant sind Fragen zum psychologischen Grundverständnis, zu mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen, Englischkenntnissen und zum methodischen Denken. Zwei Drittel der Hochschulen, die Psychologie anbieten, wollen ihre Bewerber zu dem Test verpflichten.

Mit hoher Motivation

Persönliche Auswahlgespräche hält DGP-Präsidentin Hannelore Weber nicht nur wegen der großen Zahl an Studieninteressierten für wenig zweckmäßig. "Wir haben auch aus methodischen Gründen Vorbehalte." Von Interviews profitierten vor allem Kandidaten mit gewandtem Auftreten, die aus höheren sozialen Schichten kämen. Der standardisierte Test liefere dagegen eine "objektive Basis", auf der eine gute Prognose über den Studienerfolg eines Bewerbers möglich sei.

Künstlerische Fachbereiche und kleinere Universitäten wie die Hochschule für Musik und Theater in Hannover oder das Erfurter Institut für Kommunikationswissenschaft setzen wiederum auf möglichst individuelle Auswahlverfahren und Interviews. Von ihnen erhoffen sie sich eine von Beginn an hohe Motivation und Bindung ihrer Studenten. Und so ruft auch Stephan Jansen, der Präsident der Zeppelin University, den Bewerbern in leicht esoterischer Manier zu: "Die Kriterien, mit denen wir Sie uswählen, liegen in Ihnen selbst."


»Sie können immer davon ausgehen, dass wir uns geirrt haben. «

Von den 16 Kandidaten haben es am Ende elf geschafft; die Abgelehnten bekommen keine Begründung. Jansen findet das fair: "So können Sie immer davon ausgehen, dass wir uns geirrt haben."

(SZ vom 20.3.2006)