Von Armin Nassehi

Über Stoibers ruinöse Bildungspolitik.

Traf man als Professor einer bayerischen Universität, vor allem der Münchner Universität, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern, hörte man nicht selten den Ausruf: Tu felix Bavaria! Wiewohl auch hier nicht alles Gold ist, was glänzt, konnte man doch wenigstens einigermaßen selbstbewusst behaupten, bei uns habe wenigstens ein Rest der bürgerlichen Gelehrtenrepublik überlebt.

Die Zeiten sind nun auch hierzulande vorbei. Die vor zwei Wochen verhängte Haushalts- und Einstellungssperre an der größten bayerischen Universität lässt die Sorge wachsen, dass nun auch hier eine Streichorgie beginnt, wie wir sie bislang nur aus dem Norden der Republik kennen.

25 Millionen Euro soll die LMU allein 2004 einsparen – und wenn die jetzt bekannten Sparpläne Wirklichkeit würden, hieße das nach Berechnung der universitären Kameralisten in den nächsten Jahren einen Abbau von bis zu 25 Prozent.

Wovon seit Jahren die Rede ist

Die Universitätsleitung steht unter enormem Druck und beginnt in vorauseilendem Gehorsam, die Universität kaputt zu sparen – und das in einer Situation, in der die Universitäten ohnehin unter einem Druck stehen, neuen Herausforderungen in der Forschungslandschaft, auf dem sich globalisierenden Bildungsmarkt und nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt ihrer Absolventen zu begegnen.

Seit Jahren ist davon die Rede, die Universitäten fit machen zu wollen für die „Wissensgesellschaft“, für den globalen Wettbewerb und für jene Qualifikatonsoffensiven, die uns aus der Talsohle der German disease herausführen können – so lauten die wohlfeilen, wahlkampfkompatiblen Sätze mit business appeal und dem Flair von high potentials.

Was dazu aber seit Jahren geschieht, kommt fast einer Verhöhnung der Universitäten gleich. Die so genannte „leistungsorientierte Besoldung“ der Professorenschaft nach dem neuen Besoldungsrecht entpuppt sich als großes Sparprogramm; so schnell wie die Juniorprofessur, als neuer Heilsweg auf die Lehrstühle gefeiert, ist wohl noch kein Qualifikationsprogramm gescheitert; die angebliche Internationalisierung unserer Studiengänge durch Bachelor- und Masterstudiengänge ist nur eine Nivellierungsoffensive unserer Universitäten, die uns bald zu großen Fachhochschulen machen wird und die akademische Lehre vollends durchbürokratisiert.

Wo wir sind, ist Exzellenz

Es wird letztlich alles getan, um die Universitäten möglichst unattraktiv zu machen – unattraktiv als Ort, an dem man Karrieren machen kann, unattraktiv als Lernort, unattraktiv als Ort der Gelehrsamkeit. Freilich geriert sich die Wissenschaftspolitik geradezu ironisch. Ihr Profil sollen die Hochschulen schärfen, internationales Benchmarking wird angekündigt, die Wissenschaftsbürokratie wird sich Standards für Beratung und Betreuung ausdenken, und es soll in Forschung investiert werden. Exzellenz soll überall sichtbar werden, wo wir sind.

All das lässt sich in Edmund Stoibers Regierungserklärung vom 6. November nachlesen, der den Universitäten geradezu paradiesische Zustände verspricht und das Bild einer Forschungslandschaft an die Wand malt, die international zu den besten zählen wird. Werden aber die Sparpläne wahr, wird davon nichts übrig bleiben. Stoibers vollmundige Sprüche widersprechen freilich seiner Sparpraxis keineswegs. Was als Exzellenz und Qualität gilt, sind einige Prestige-Projekte, sind vorzeigbare Erfolge in Schlüsseltechnologien sowie statistische Tricks mit kurzen Studienzeiten und noch kürzeren Halbwertzeiten der Ausbildungsinhalte.

Das ökonomische Diktat, dem sich die Hochschulen seit langer Zeit ausgesetzt sehen, ist keineswegs nur ein Diktat des Geldes. Das eigentliche Diktat des Ökonomischen ist eine Denkungsart, die mit dem Kalkül des Kalkulierbaren rechnet. Effizient müsse die Forschung werden, der – Originalton der Regierungserklärung – „Bewältigung des Studentenberges“ solle durch höhere Präsenzzeiten der Professoren begegnet werden, Qualifikationszeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses müssen ebenso verkürzt werden, wie der Output an Studenten zu erhöhen ist usw.

Allen Ernstes scheint die deutsche Wissenschaftspolitik seit Jahren, mit diesen Mitteln nun den Universitäten Beine machen zu wollen – als gebe es die Unterausstattung unserer Institute nicht, als bildeten wir nicht Studentenmengen aus, für die wir schon lange keine angemessenen Potentiale mehr haben. Ich selbst komme mir inzwischen geradezu wie ein Ausbeuter vor, wenn ich daran denke, wie viel ihrer eigenen Qualifikationszeit ich meinen Assistenten und Mitarbeitern abverlangen muss, damit wir einigermaßen über die Runden kommen. Dass wir uns dabei von unserem obersten Dienstherrn populistischen Unsinn über effizientere Strukturen, Exzellenzbildung und „Standards für Beratung und Betreuung“ anhören müssen, als arbeiteten wir nicht mit einem Zeitbudget, dem die geplanten Erhöhungen unserer Wochenarbeitszeit Hohn spricht, nicht an jener wissenschaftlichen Exzellenz und Effizienz, die ihre prophetischen Verkündiger nur als wohlfeile Semantik kennen.

All das ist ebenso skandalös, wie es der Logik des Politischen entspricht, Entscheidungsfähigkeit zu simulieren. Nicht einmal der Lüge angesichts der Versprechungen im Wahlkampf kann man Stoiber bezichtigen, denn letztlich werden all die Streichungen und Grausamkeiten mit den gleichen Begründungen versehen, mit denen man im Wahlkampf noch den Eindruck vermitteln konnte, gerade universitäre Lehre und Forschung entziehe sich den kameralistischen Knappheitsszenarien.

Koalition der Ahnungslosen

Wir kennen ähnliche Krisen aus der Vergangenheit. Das deutsche Universitätssystem scheint im Kern wirklich stabil und leistungsfähig zu sein. Es hätte sonst all die Reformen der letzten Jahrzehnte nicht überlebt. Aber diesmal scheint sich die Krise nicht aussitzen zu lassen. Wirklich beunruhigend sind nicht Kürzungspläne als solche. Beunruhigend ist vielmehr eine neue antiakademische Haltung in der Politik, eine offensichtliche Unkenntnis darüber, was in den Universitäten überhaupt geschieht, wie wissenschaftlich gearbeitet wird und unter welchen Ausnahmebedingungen deutsche Massenuniversitäten arbeiten – und dennoch nicht kollabieren.

Beunruhigend ist ebenso, dass man das Problem nicht einmal mehr politisch zurechnen kann. Zumindest wissenschaftspolitisch besteht eine große Koalition der Ahnungslosen, ein tayloristischer Konsens über die politischen Eingriffsmöglichkeiten und ein populistisches Ressentiment gegen die Arbeit von Gelehrten, die nichts anderes tun als ihren Job: forschen, lehren, verwalten, prüfen, publizieren, betreuen, beraten usw.

All das scheint nicht im Horizont der Aufmerksamkeit zu sein, wenn man die Krise der Universitäten mit höheren Präsenz- und Lehrzeiten, mit der Verunsicherung des Mittelbaus und mit dem Versprechen von ein paar hundert Euro „Leistungszulage“ meistern will. Dass die Universität kein Markt ist, wie soll man das politischen Eliten beibringen, die die Marktlogik besonders sexy finden, aber nicht einmal die gelernt haben?

Für mich besteht der Gipfel der Beunruhigung darin, dass wir von der Wissenschaftspolitik inzwischen parteiübergreifend nicht einmal mehr belogen werden können, weil es dort offensichtlich keine Vorstellung mehr davon gibt, was mit der Lüge noch verdeckt werden soll. Denn selbst zur Lüge bedarf es eines Formats, das man nicht unterschreiten darf. Selbst dieses Format hat die Wissenschaftspolitik inzwischen verloren.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität München und lädt zur Besichtigung des universitären Müßiggangs in seine Vorlesung vor einem „Studentenberg“ von ca. 1 000 Studierenden ein (Montags 10-11.30 Uhr, AudiMax).

(SZ vom 18.11.2003)