Sind mehr Ingenieure eine Bedrohung für die Geisteswissenschaften? Nein, die Statistik lässt es nicht zu, das Dichter-und-Denker-Land gegen das Land der Patente und Ingenieure auszuspielen. Das Problem liegt anderswo.
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"Dass jetzt jeder, der 20 Schrauben zählen kann, studieren soll, ist eine Art nationalökonomisch motivierte Schrotflinte." Foto: dpa
Im lustigen Studentenleben kann man folgenden Spruch hören: "Karohemd und Samenstau, ich studier’ Maschinenbau." Was immer dran ist an dieser soziopsychologischen Analyse, sie ist vor allem Ausdruck des notorischen Hochmuts von Geisteswissenschaftlern gegenüber all denen, die rechnen und nicht bloß Ideen oder Vergangenheiten, sondern reale Apparate konstruieren können.
Als im 19. Jahrhundert das Vorbild ganzheitlicher Geistes- und Naturforschung, das Aufklärung, Klassik und Romantik geschaffen hatten, der Verselbständigung und Professionalisierung der Fächer wich, da konnte sich dieser Hochmut entfalten. Eine Zeitlang entsprach ihm eine reale soziale Hierarchie: Es galt der Vorrang der humanistischen Bildung als Zugang zur gesellschaftlichen Elite.
Dieses Prestige brachte es mit sich, dass bei fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung nicht selten literarisch gebildete Fabrikanten und Naturwissenschaftler anzutreffen waren, während der naturwissenschaftlich gebildete Literaturwissenschaftler, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ausstarb.
Wer heute in den "weicheren" Fächern über Mathematiker und Techniker spottet, den leitet hingegen nicht mehr ein Gefühl der Überlegenheit. Er greift vielmehr zu einem Kampf- und Selbststärkungsmittel, das aus der Defensive kommt.
Schon im Aufschwung des Kaiserreiches wurde der Exklusivitätsanspruch von Geschichte, Philosophie und Philologie von der Industriegesellschaft überrollt; 1899 wurden die Technischen Hochschulen von Wilhelm II. feierlich mit dem Promotionsrecht ausgestattet, im Jahr darauf die Reifezeugnisse der Realgymnasien denen der humanistischen gleichgestellt. Heute klagen Geisteswissenschaftler über ihre Marginalisierung.
Und jetzt werden wieder, wie vor 100 Jahren, Ingenieure und Erfinder gesucht. Die Bundesregierung berät über eine "nationale Qualifizierungsoffensive", eine Formulierung, deren militärischer Schneid gewiss auch dem alten Kaiser gut gefallen hätte.
Eine Studie rechnet vor, dass der großen Exportnation zehntausende Fachkräfte fehlen; in Sachsen, berichtet eine andere Studie, läuft es zwar rund, da lebt er noch, der technische Tüftelgeist, aber insgesamt reicht es nicht. Also will die Offensive, in einer nach der Sympathie des jeweiligen Politikers für Zuwanderer bemessenen Anzahl, ausländische Experten ins Land holen, vor allem aber gut patriotisch deren Kinder selbst begeistern und ausbilden.
Wenn nun in derselben Woche eine weitere Statistik vorgelegt wird, die besagt, dass in den Jahren von 1995 bis 2005 die Sprach- und Kulturwissenschaften in Deutschland bei steigenden Studentenzahlen 663 Professuren verloren haben, also 11,6 Prozent ihrer Stellen, und wenn eine große Zeitung titelt, vom Stellenabbau seien die "Geisteswissenschaften besonders betroffen" - müssen diese nicht ihre Benachteiligung gegenüber den wirtschafts- und anwendungsnahen Fakultäten bestätigt sehen?
Heißt nicht das mitten im "Jahr der Geisteswissenschaften" propagierte Vorhaben, um beinahe jeden Preis mehr technische Studenten zu gewinnen, dass die Bildung trotz Sonntagsreden verraten wird? Dass die Karo-Hemden am Ende doch gewinnen?
Nein. Gewiss sind einzelne der Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die der Deutsche Hochschulverband verbreitet hat, besorgniserregend - der Wegfall von 35 Prozent der Professuren bei den Klassischen Philologen, von 9,4 bei den Slawisten und 11,3 Prozent bei den Kleinen Fächern (und die gleichzeitige Zunahme von "kulturwissenschaftlichen" Professuren um 20,8 Prozent) ist skandalös.
Aber das bedeutet nicht, dass die Statistik es zuließe, das Dichter-und-Denker-Land insgesamt gegen das Land der Patente und Ingenieure auszuspielen.
Denn erstens verweist man mit Recht darauf, dass einigen Reduktionen bei den Professuren übermäßige Aufblähungen des Apparats vorangegangen waren; das gilt etwa für den nicht unbedingt beklagenswerten Rückgang von 948 (!) auf 618 bei den Erziehungswissenschaften, einem Fach, das trotz eindrucksvoller Mannstärke die Herausforderung der empirischen Erziehungswissenschaft verschlafen hat und erst nach der ersten Pisa-Studie ein wenig aufgewacht ist.
Vor allem aber gebietet die Fairness auch denen, die nicht so gerne mit Zahlen umgehen, zu berichten, dass im gleichen Zeitraum Mathematik und Naturwissenschaften 4,3 Prozent und den Ingenieurswissenschaften 13,3 Prozent ihrer Professorenstellen - also mehr als den Geisteswissenschaften! - gestrichen wurden.
Nein, was die Zahlen vielmehr lehren, ist, dass die Erhöhung der Studierquote auf Teufel komm raus fächerübergreifend nicht zur Anstellungspolitik der Hochschulen passt. Dass jetzt jeder, der 20 Schrauben zählen kann, studieren soll, ist eine Art nationalökonomisch motivierte Schrotflinte: Die Guten werden wir dabei schon treffen.
Bereits in den technischen Fächern muss der Erfolg des Verfahrens zweifelhaft erscheinen; dessen Übertragung auf die Geisteswissenschaften, die unvermeidlich mit solchen Offensiven einhergeht, aber ist fatal. Man muss nämlich nur einmal einen durchschnittlichen Abiturjahrgang gesehen oder einen germanistischen Unikurs besucht haben, um zu erkennen: Im Ganzen haben wir nicht zu wenige Professoren, sondern zu viele Studenten.





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