Komfortablere Arbeitsplätze, Angst vor Jobverlust, mehr Kontrolle? Warum der Krankenstand seit Jahren sinkt.
Die Krankmeldungen gehen zwar zurück, doch krank werden die Deutschen natürlich trotzdem. Viele gehen aber dennoch zur Arbeit. Foto: iStockphoto
Jedes Jahr im Januar liest man dieselbe Meldung. Stets beginnt sie mit dem Satz: ,,Der Krankenstand in deutschen Betrieben ist auf ein neues Rekordtief gefallen.‘‘ Danach müssen die Nachrichtenredakteure nur noch die aktuellen Zahlen einsetzen. 1995 lag der Krankenstand noch bei 5,1 Prozent. Seither sank er kontinuierlich bis auf 3,29 Prozent im vergangenen Jahr.
Das bedeutet, dass an den Erhebungsstichtagen im Schnitt 329 von 10000 erwerbstätigen Pflichtmitgliedern der gesetzlichen Krankenkassen arbeitsunfähig gemeldet waren. Anders gerechnet fehlte im vergangenen Jahr jeder Beschäftigte im Durchschnitt an nur 7,2 Arbeitstagen wegen Krankheit.
Schon in den dreißiger Jahren, als viele Arbeitnehmer noch an Tuberkulose und Typhus erkrankten, wurden Daten über den Krankenstand gesammelt. Allerdings lassen sie sich mit den heutigen nicht vergleichen, denn damals gab es unterschiedlich viele Karenztage vor dem Bezug von Krankengeld, und Arbeiter wurden anders behandelt als Angestellte. 1969 wurde eine einheitliche Lohnfortzahlung eingeführt. Deshalb beginnen vergleichende Zeitreihen zum Krankenstand frühestens mit dem Jahr 1970.
Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Lange Zeit folgte der Krankenstand treu der Konjunktur. In guten Zeiten meldeten sich die Arbeitnehmer öfter arbeitsunfähig, in schlechten Zeiten seltener. Den höchsten Wert erreichte der Krankenstand mit fast sechs Prozent im Jahr 1973. In der Rezession nach der ersten Ölkrise ging er auf 5,3 Prozent zurück, um bis 1980 wieder auf 5,7 Prozent zu steigen und in der nächsten Rezession erneut zu sinken. Mit jedem Konjunkturkreislauf wurden die Krankenstände insgesamt niedriger. Das Pendeln analog zu den konjunkturellen Schwankungen setzte sich aber bis 1995 fort. Auch durch die Wiedervereinigung änderten sich die Zahlen kaum.
Erst seit 1995 hat sich der Krankenstand von der Konjunktur emanzipiert: Selbst während des Booms der späten neunziger Jahre sanken die Zahlen immer weiter, die Dauer-Rekordmeldung war geboren. Für diese Entwicklung gibt es viele Gründe. Unklar ist nur, welcher am wichtigsten ist.
Während die Gewerkschaften vor allem auf steigende Ängste der Beschäftigten vor dem Verlust des Arbeitsplatzes verweisen, betonen arbeitgebernahe Institutionen wie die Betriebskrankenkassen und das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) die Bedeutung anderer Faktoren. ,,Angst vor Arbeitslosigkeit mag in einzelnen Fällen eine Rolle spielen, als pauschale Antwort halte ich das nicht für haltbar‘‘, sagt Jochen Pimpertz, Gesundheits- und Sozialexperte beim IW.
Für die geringeren Fehlzeiten sind seiner Meinung nach vor allem der Strukturwandel, das niedrigere Durchschnittsalter der Belegschaften und eine bessere Gesundheitsvorsorge in den Betrieben verantwortlich.
,,Es ist schwierig, die Vielzahl von Faktoren zu gewichten, das lässt sich nicht exakt quantifizieren‘‘, meint Christian Vetter vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO). Vetter ist Mitherausgeber des ,,Fehlzeiten-Reports‘‘, der wichtigsten regelmäßigen Veröffentlichung zum Thema. Immerhin wurde schon einmal versucht, die Auswirkungen des Strukturwandels auf den Krankenstand zu berechnen:
Nach einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft für etwa ein Viertel des Rückgangs seit 1970 verantwortlich. Seit damals ging die Bedeutung der Branchen, in denen Arbeiter starken körperlichen Belastungen und hohen Unfallrisiken ausgesetzt sind, stark zurück. Zugleich stieg die Zahl der Angestellten im Dienstleistungsbereich, in dem Bürotätigkeiten unter besseren Arbeitsbedingungen dominieren.
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