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Von Julia Bönisch

Doktortitel im Schnellverfahren: Ärzte promovieren oft parallel zum Studium und in nur wenigen Monaten. Das ist Geldverschwendung statt Wissenschaft, sagen Kritiker. Wird der Dr. med. verschenkt?

Medizinstudium und Promotion Dr. med. Dünnbrettbohrer, dpaGrossbild

Medizinische Forschung: Nur ein Bruchteil der medizinischen Doktorarbeiten genügt den Kriterien einer Promotion. (Foto: dpa)

Keine Berufsgruppe genießt in Deutschland so hohes Ansehen wie die der Ärzte. In Image-Rankings erreichen sie regelmäßig Rang eins, noch vor Geistlichen, Hochschulprofessoren oder Diplomaten.

Die Beliebtheit der Mediziner rührt vermutlich nicht nur von ihrer Dauerpräsenz im deutschen Vorabendprogramm her. Zu ihrem Prestige trägt vermutlich auch die Tatsache bei, dass etwa 80 Prozent ihrem Namen einen Doktortitel voranstellen dürfen: Der Dr. suggeriert Bildung, er schmeckt nach Elite, Oberschicht und Vermögen.

Doch um genau diesen Doktortitel ist eine Diskussion entbrannt, an deren Ende seine Abschaffung stehen könnte - sollte sich die Position des Wissenschaftsrats, des wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums, durchsetzen. Denn dort ist man der Meinung, dass die Promotion vieler Mediziner, mit Verlaub gesagt, ein Witz ist.

Kein Erkenntnisgewinn

Denn die meisten Medizinstudenten promovieren nicht nach dem Studium, wie es in anderen Fächern üblich ist. Sie schreiben ihre Doktorarbeit vielmehr parallel dazu - und das auch noch in einer viel kürzeren Zeit. Während es in den Naturwissenschaften durchaus schon mal vier Jahre dauern kann, bis sich ein Doktorand die begehrten zwei Buchstaben vor seinen Namen stellen kann, ist eine Promotionsdauer von nur sechs Monaten unter Medizinern durchaus üblich. Da verwundert es kaum, dass der Erkenntnisgewinn solcher Arbeiten gering ist.

Ulrike Beisiegel, Vorsitzende der wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrates, bezeichnet die Doktorarbeiten deshalb als "Pro-forma-" oder "Türschildforschung". "Nur etwa zehn Prozent der medizinischen Doktorarbeiten erfüllen das Kriterium, das in jedem anderen Fach für eine Promotion gilt: dass sie eine wenn auch kleine Lücke in einer noch offenen wissenschaftlichen Fragestellung schließt." Der große Rest befasse sich mit Altbekanntem. "Die Promotion in der Medizin ist das, was in anderen Fächern eine Master- oder Diplomarbeit ist - nicht mehr", sagt Beisiegel.

"Gemeiner Vorstoß"

Mit dieser Ansicht steht die Biochemikerin, die am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf arbeitet, nicht alleine da. Auch das European Research Council (ERC), die neue Einrichtung zur Forschungsförderung in der EU, ist offenbar ihrer Meinung. Denn dort hat man im Mai beschlossen, den deutschen Dr. med. nicht dem internationalen Ph.D. (Philosophiae Doctor) gleichzustellen. Damit hat das ERC den Titel praktisch für minderwertig erklärt - und deutsche Medizinstudenten von der Vergabe der Fördermittel ausgeschlossen.

Der Wissenschaftsrat fordert deshalb, die wissenschaftliche Ausbildung der Mediziner in Deutschland grundlegend zu reformieren: Geht es nach ihm, soll die Promotionsphase wie in anderen Fächern auch erst im Anschluss an das Studium beginnen - und nur solchen Medizinern vorbehalten sein, die tatsächlich in die Forschung wollen. "Die übrigen Ärzte sollen mit der Approbation die Berufsbezeichnung Medizinischer Doktor tragen", erklärt Beisiegel. So könne man einerseits den wissenschaftlichen Anspruch einer Promotion erhalten und andererseits den professionellen Doktortitel der Ärzte.

Weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) noch die Ärzte sind von diesen Entwicklungen begeistert. DFG-Präsident Matthias Kleiner hat mit einem Brief gegen die Diskriminierung der Mediziner beim ERC protestiert. Und Rudolf Henke, Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, findet den Vorstoß gar "gemein". "Hier werden alle Absolventen an den Pranger gestellt", sagt er. "Es wird so getan, als seien alle Mediziner Titelerschleicher. So kann man doch in der wissenschaftlichen Community nicht miteinander umgehen."

Auf der nächsten Seite: Droht der Medizin eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Elite-Medizinern in der Forschung und dem Fußvolk in der Versorgung - oder sorgen sich die Ärzte nur um ihr Prestige?

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Leserkommentare (93)



14.07.2009 11:38:49

hightower875: dr. jur / pol / rer ... dünnbrettbohrer

... hängt halt von den Gebieten ab, in denen in der Medizin promoviert wird. Der Dr. jur. (oder Dr. re. pol etc) hängen doch genauso vom Thema ab. Es gibt einige Kollegen, die sich auch in diesen Gebieten nebenberuflich mit der Promotion beschäftigen. Ob das daraus gewonnene Wissen dann wirklich wissenschaftlich hilft? Wenn man dort neben der Arbeit promovieren kann, ist doch das ganze genauso eine Farce.

Und schaut man mal unter:

- http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,532055,00.html

- http://www.welt.de/politik/article1792387/Gutes_Geschaeft_mit_gekauften_Doktortiteln.html

- http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,561000,00.html

...

scheinen auch die hier "hochwissenschaftlichen" Gebiete nicht ganz so sauber zu sein. Unstrittig ist aber, dass die Medizinische Promotion oft eine Qual ist, lang dauert und die Zeit sicher besser investiert werden könnte.

Vielleicht wäre der österreichische Weg ein gangbarer: In der Studienrichtung Humanmedizin wird der akademische Grad „Dr. med. univ.“ und für Zahnmedizin der Grad „Dr. med. dent.“ vergeben. Diese Grade werden durch Abschluss von Diplomstudien erworben (§ 54 Abs. 2 Universitätsgesetz 2002) und sind daher trotz der Bezeichnung Diplomgrade (aus http://de.wikipedia.org/wiki/Doktor#.C3.96sterreich).

Eine Frechheit ist der Artikel trotzdem, weil wie immer die Berichterstattung zu einseitig ist.

ein dr. med. dünnberttbohrer


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