Interview: Jacky Guttmann

Hektik im Job macht krank. Multitasking aber auch, sagt Ulrike Roth. Die Ärztin über den Zwang zur Gleichzeitigkeit - und warum er gefährlich ist.

Dr. Roth

Dr. Ulrike Roth: "Ständiger Zeitdruck und hohe Anforderungen verursachen Stress für Körper und Geist." Foto: oH

Angst vor Arbeitslosigkeit, ein immer härterer Wettbewerb und stetig wachsende Anforderungen bringen Arbeitnehmer an die Grenzen ihrer Kräfte. Lange Zeit wurde Multitasking als die Wunderwaffe für mehr Effektivität im Job angepriesen. Es sollte den Schlüssel zum entspannteren Arbeitsleben bedeuten. Die Arbeitsmedizinerin Dr. Ulrike Roth vom TÜV Rheinland warnt eindrücklich vor den möglichen Folgen des Multitasking.

sueddeutsche.de: Was versteht man unter dem Begriff Multitasking?

Ulrike Roth: Multitasking ist der Versuch, mehrere Sachen gleichzeitig zu machen. Ich sage aber bewusst Versuch, denn letztlich bearbeitet man die Aufgaben doch nacheinander. Eine wirkliche Gleichzeitigkeit bei konstantem Qualitätsniveau existiert nicht. Wissenschaftliche Tests haben gezeigt, dass beim Erledigen mehrerer, nicht zusammenhängender Tätigkeiten zur gleichen Zeit mindestens eine immer leidet. Je kürzer die Abstände zwischen den Tätigkeiten sind, desto höher ist die Fehlerquote.

sueddeutsche.de: Und das größere Multitaskingtalent von Frauen ...

Roth: ... ist leider auch nur ein Mythos. Obwohl dieser Glaube weit verbreitet ist, konnten Experimente nicht beweisen, dass die Hirnaktivitäten von Frauen dabei intensiver sind als die von Männern.

sueddeutsche.de: Sie warnen vor Multitasking. Warum?

Roth: Ein Motor, der durchgängig mit Vollgas läuft, geht durch die Belastung kaputt. Ähnlich ist das auch bei Menschen, die ständig unter Stress stehen. Der Geist kann all die vielen Informationen nicht mehr verarbeiten und so schleichen sich Fehler ein. Das Gehirn gelangt an seine Grenzen. Eine Art Schutzmechanismus bewahrt wichtige Informationen und lässt zusätzliche Botschaften abprallen, so dass sie gar nicht erst gespeichert und sofort vergessen werden. Das kann letztlich auch körperliche Folgen haben.

sueddeutsche.de: Welche?

Roth: Ständige Unterbrechungen, Störungen und immer neue Verpflichtungen sind ebenso Auslöser für Stress wie der Papierberg im Augenwinkel, den man bis zum Abend noch abgearbeitet haben muss. Durch die Überbelastung des Gehirns sinken die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Darüber hinaus können Unruhe und Versagensgefühle zu regelrechten Angstzuständen führen. Bluthochdruck, Kopfschmerzen und Schlafstörungen sind daneben die häufigsten Warnsignale. Im Extremfall droht durch die Multitaskingfalle sogar ein dem Burn-Out ähnliches Phänomen, das als "Attention Deficite Trait" bezeichnet wird. Diese Konzentrationsschwäche ist die Konsequenz des allgegenwärtigen Informationsüberflusses in unserer Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Wie viele Aufgaben kann man gleichzeitig bewältigen, ohne das zu riskieren?

Roth: Hierbei spielen mehrere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die Art der Aufgabe und wie fit und gesund eine Person ist. Einfache alltägliche Aufgaben bereiten normalerweise keine Probleme, diese treten nur bei komplexeren theoretischen Sachverhalten auf. Wichtig ist, dass man nicht im Halbminutentakt von Aufgabe zu Aufgabe wechselt, sondern dem Gehirn einige Momente zum Umschalten gewährt.

sueddeutsche.de: Warum glauben wir trotzdem, wir seien durch Multitasking besser?

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