Das wohl schmalste Haus Europas wird in Kiel gebaut: Auf seiner Rückseite misst es gerade mal 80 Zentimeter.

Das wohl schmalste Haus Europas entsteht zur Zeit in Kiel: Gerade mal 80 Zentimeter misst der Neubau in der Innenstadt an seiner schlankesten Stelle, der Rückfront. Damit macht es den bisherigen Rekordhaltern in London und Amsterdam sowie dem bisher schmalsten Haus Deutschlands in Eisenach Konkurrenz.

Ein junger Kieler Architekt hat das außergewöhnliche Bauwerk entworfen, das an der Vorderseite immerhin 4,50 Meter misst und insgesamt 94 Quadratmeter Wohnfläche auf sechs Etagen hat. Im Juni soll es bezugsfertig sein.

Noch ist das Bauwerk nicht vollendet. Doch schon jetzt bleiben Passanten staunend vor Kiels neuester Sehenswürdigkeit stehen. Die meisten schütteln den Kopf: „Wie kann man nur so ein verrücktes Haus bauen“, meint eine Passantin. Nicht mal geschenkt wolle sie die „Hütte“ haben.

Verrückt sei sein neues Eigenheim keineswegs, hält Archiktekt und Bauherr Björn Siemsen dagegen. Dass der dreieckige Neubau etwas eigenwillig sei, will der 35-Jährige jedoch gern eingestehen.

Während die Vorderfront mit 4,50 Meter noch eine normale Breite aufweist, sind es im hinteren Bereich gerade mal 80 Zentimeter.

Bisher galt ein 200 Jahre alter Fachwerkbau in Eisenach mit einer Breite von 2,05 Meter und einer Grundfläche von 20 Quadratmetern als schmalstes Haus Deutschlands.

Um den europaweiten Titel streiten sich bisher Niederländer und Briten: Ein Amsterdamer Bau reklamiert den Rekord mit einem Giebelmaß von 2,02 Meter für sich, ein Fünf-Etagen-Haus in London misst an der schmalsten Stelle 1,52 Meter - doppelt so viel wie das Bauwerk in Kiel.

Und weil es besonders schmal ist, ist das neue Domizil auch besonders hoch. Über sechs Etagen wird sich die Wohnung der Familie Siemsen erstrecken und trotzdem nur 96 Quadratmeter Wohnfläche bieten - andere Bauherren bringen das locker in einem einzigen Geschoss unter.

Fleckchen Erde war günstiger Baugrund

Im Erdgeschoss liegt die Garage, die gerade groß genug ist für einen Golf. Die erste, zweite und dritte Etage sind die Schlafzimmer - mit jeweils 16 Quadratmetern geradezu üppig geschnitten. Der fünfte Stock ist für die Küche vorgesehen, darüber liegt das Wohnzimmer.

Das Sahnehäubchen ist die Dachterrasse mit herrlichem Ausblick. Dazwischen liegen jede Menge Treppen und im hinteren, schmalsten Teil des Hauses drei „Badezimmer“: einmal Toilette mit Dusche, einmal Toilette mit Waschmaschine und ganz oben nur eine Badewanne.

Jahrelang sei er an der schmuddeligen Baulücke vorbeigefahren, die durch die leichte Biegung der Straße zwischen zwei Gründerzeit-Häusern eingepfercht ist, erzählt der Bauherr. „Da muss doch etwas draus zu machen sein“, dachte sich der Absolvent der Kieler Kunsthochschule, der als Architekt für seine Kunden ganz normale Einfamilienhäuser plant.

Das Grundstück war für ihn eine Herausforderung: „Mir hat es in den Fingern gekribbelt.“ 2003 Jahr hat Siemsen dann den Kaufvertrag für das 29 Quadratmeter kleine Fleckchen Erde unterschrieben. Günstig sei es gewesen, sagt der junge Familienvater.

Man müsse sich in der Grundfläche nur bescheiden, dann könne man durchaus auch in teuren Innenstadtlagen ein Haus bauen, so seine Philosophie. Das Projekt habe weit unter 200.000 Euro gekostet.

Ein Sofa passt nicht durchs Treppenhaus

Nach dem Motto „Platz gibt es in der kleinsten Baulücke“ hat er das moderne Haus mit großen Glas-Erkern an der Vorderfront entworfen. Um von der kostbaren Fläche nicht zu viel zu verschenken, ist das Treppenhaus extrem schmal ausgefallen. Die Treppe ist so steil und eng, wie es die Bauordnung gerade noch zulässt. „Ein Sofa kriegt man da nicht hoch.“ An der Straßenfront wird ein Lastenkran mit Seilwinde montiert, wie man es von alten Lübecker Kaufmannshäusern kennt und heute noch in Amsterdam bewundern kann.

Im Juni will Siemsen mit seiner dann fünfköpfigen Familie einziehen. Noch sind die Handwerker im Haus und behaupten, ihre Oberschenkel nähmen wegen des ständigen Treppensteigens mächtig an Umfang zu. „Aber sie sind mit Freude dabei, schließlich bauen sie kein 08/15-Haus“, berichtet Siemsen.

Bei Statikern und Brandschutzexperten im Kieler Rathaus fiel die Freude geringer aus: Die rauften sich anfangs die Haare, als Siemsen seine eigenwilligen Baupläne vorstellte. „Aber nun sind alle Auflagen erfüllt.“

Kreativität ist bei der Einrichtung gefragt. „Viele rechte Winkel gibt es in unserem Haus wegen des dreieckigen Grundrisses nämlich nicht.“ Die ganze Familie stehe hinter dem Projekt, versichert Siemsen. Auch wenn ab Sommer viel Treppensteigen angesagt ist: „Das hält uns fit.“

(AP - Margret Kiosz )