Konflikte wegen lärmender Kinder nehmen zu - dabei sind die Beschwerdeführer meistens im Unrecht.
Spielende Kinder sind meist nicht zu überhören. Aber die Beschwerdeführer. Foto: ddp
"Liebe Kinderbeauftragte der Stadt München,
wir schreiben Dir, weil wir in unserem Hof immer geschimpft werden und immer leise sein müssen. Wir dürfen nicht Radfahren, nicht Inlinerfahren und Ball- spielen schon gleich gar nicht.
Und das finden wir echt doof.
Viele Grüße: Laura und ihre Freundinnen.
P.S.: Erwachsene sagen immer Ausdrücke. Bloß wir müssen die Klappe halten!"
Die Fenster zum Hof stehen wieder weit offen. Eltern freuen sich, dass ihre Kinder endlich auslüften am Nachmittag, die wiederum kramen Roller heraus und Einräder und Inlineskater und Fußbälle, versammeln sich noch im winzigsten Innenhof zu kleinen Banden und haben gut hörbar ein echtes Vergnügen - zu gut hörbar für viele Nachbarn in einer Stadt, in der nur 16 Prozent der Haushalte Kinder haben. Lautlos sind solche sonnigen Tage tatsächlich nicht.
Kein Wunder, dass mit dem Lärmpegel auch die Zahl der Nachbarschaftskonflikte steigt.
Wiesenflächen, Spielplätze und Garagenvorplätze mögen paradiesische Freiräume für Kinder sein. Lärmempfindlichen Nachbarn dagegen sind sie nicht Spielraum, sondern Tatort. Kindergejohle von unten, Zorngebrüll vom Balkon oben. Manchmal leidet ein solcher Nachbar still. Manchmal mahnt er nur. Manchmal wird er selbst laut und handgreiflich. Und gar nicht so selten werden Gerichte eingeschaltet.
Was erlaubt ist und was verboten, ist den Beteiligten häufig unklar. Darf ein Kind Besuchskinder in den Hof mitbringen? Darf es Bobbycar fahren in der Mittagszeit? Fußballspielen aufs Garagentor? Was ist erlaubt in den Wohnungen, was müssen Eltern unterbinden?
Die Wahrheit ist: Kinder dürfen sehr viel mehr, als die Beschwerdeführer glauben. Nicht die Kinder sind im Unrecht, sondern meistens diejenigen, die annehmen, ihr Recht auf Ruhe sei gewichtiger als das der Kinder auf Spielen und Entfaltung. Und jene Eltern, die stets ein schlechtes Gewissen haben, können sich ein wenig entspannen.
Immer mehr verunsicherte Familien wenden sich mit Fragen an die Kinderbeauftragte der Stadt München, erzählen von Nachbarn, die den Kindern am liebsten das Krabbeln verbieten würden, das Lachen im Treppenhaus, das Toben im Garten. Im vergangenen Jahr waren es 70, die bei der Kinderbeauftragten anfragten und Beschwerden über Kinderlärm meldeten, die Zahl ist gestiegen - sei es, weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass man dort Informationen bekommt, die außerordentlich dienlich im Konfliktfall sind. Sei es, dass Lärmempfindlichkeit und Kinderfeindlichkeit in der Single-Stadt München tatsächlich zugenommen haben, Konflikte lieber indirekt gelöst werden statt im Kontakt und so immer häufiger Dritte eingeschaltet werden müssen.
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