Zunahme psychischer Erkrankungen Eingebildete Epidemie

Immer wieder kann man hören, wie sehr die psychischen Erkrankungen zunehmen. Stets aufs Neue wird der Druck der modernen Arbeitswelt verantwortlich gemacht. Der vorherrschende Eindruck ist klar. Bloß: Er ist mit ziemlicher Sicherheit falsch.

Von Christian Weber

Auf den ersten Blick scheinen sich die Indizien zu häufen. Vor allem die Krankenkassen melden etwa seit Mitte der Neunzigerjahre in ihren Gesundheitsberichten stetig steigende Fallzahlen: Immer mehr psychisch Kranke gebe es in Unternehmen und Gesellschaft, so heißt es, die Folge seien Millionen Ausfalltage. Verantwortlich seien der wachsende Druck und der Stress der modernen Arbeitswelt. Auch in privater Runde - ganz zu schweigen vom Fernsehen - ist die Zahl der Burn-out-Fälle im Büro gängiger Gesprächsstoff. Der vorherrschende Eindruck ist also klar. Bloß: Er ist mit ziemlicher Sicherheit falsch.

"Alle großen Studien, in denen psychische Störungen methodisch solide über längere Zeit erfasst wurden, widersprechen der Annahme, dass es in den letzten Jahrzehnten eine bedeutsame Zunahme gab", sagt Frank Jacobi, der an der Psychologischen Hochschule Berlin lehrt und als ein führender Experte für die Epidemiologie psychischer Krankheiten gilt. Methodisch solide heißt: Forscher suchen sich repräsentative Zufallsstichproben in der Bevölkerung, lassen Experten diagnostizieren und verfolgen dieses Panel über möglichst lange Zeit. Bei solchen Studien zeigen sich immer mal wieder leichte Ausschläge nach oben oder unten, insbesondere bei Depressionen oder Sucht; aber den einzigen dramatischen Einschnitt gab es in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit.

Forscher wie Jacobi nennen unter anderem einen Grund, warum die Kassen-Statistiken in die Irre führen: Der Hauptfehler liegt darin, dass die Meldungen aus den Arztpraxen für bare Münze genommen werden. Die Kassen berichten zwar korrekt, dass immer mehr Menschen vor allem wegen Depressionen und Angststörungen krankgeschrieben werden. Doch vermutlich beruhen diese Zahlen nicht auf einer realen Zunahme.

Dennoch: Psychische Krankheiten sind weit verbreitet

Aufklärungskampagnen haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass immer mehr Ärzte etwa eine Depression auch erkennen und dass Patienten schneller Hilfe beim Facharzt suchen. Vor allem affektive Störungen haben viel von ihrem früheren Stigma verloren. Auch deshalb gibt es weniger Scham- und Verlegenheitsdiagnosen. Man kann durchaus annehmen, dass sich in der Vergangenheit hinter vielen Rückenschmerzen und Schlafstörungen eigentlich psychische Beschwerden verbargen.

Dies führt nach Ansicht von Jacobi zu einem weiteren Punkt: Früher war es einfacher, sich etwa mit einer leichten Depression durch Leben und Beruf zu schleppen. In der heutigen Arbeitswelt ist das nicht mehr so einfach. Der Druck am Arbeitsplatz verursacht also womöglich nicht die Störung, macht sie aber sichtbar.

All das bedeutet nicht, dass man psychische Krankheiten bagatellisieren darf. Nach der größten Studie zum Thema, die ein internationales Team um den Psychiater Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden 2011 in der Fachzeitschrift European Neuropsychopharmacologyveröffentlichte, leiden jedes Jahr 38,2 Prozent der Europäer an einer neuropsychiatrischen Störung, am häufigsten an Angst (14 Prozent), gefolgt von Schlaflosigkeit und Depression (je etwa sieben Prozent). Bleibt die Frage, wie man die Grenze zwischen Normalität und Krankheit definiert. Doch das ist eine andere Diskussion.