WHO-Bericht zu Antibiotika-Resistenzen Stumpfe Waffen gegen Erreger

Weltweit breiten sich Krankheitserreger aus, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Die Weltgesundheitsorganisation warnt davor, dass selbst simple Infektionen bald wieder ein Todesurteil sein können und sich Geschlechtskrankheiten wie Tripper erneut ausbreiten.

Von Berit Uhlmann

Die Gonorrhö war lange kein Thema mehr. Die auch Tripper genannte Geschlechtskrankheit ließ sich mit Antibiotika bekämpfen; Komplikationen wie Unfruchtbarkeit konnten abgewendet werden - bis jetzt. Denn immer häufiger helfen die Standard-Antibiotika nicht mehr, weil die Erreger resistent geworden sind. Mehrfach wurden seit den 1980er Jahren neue Antibiotika eingesetzt, mehrfach entwickelten die Bakterien neue Resistenzen.

Mittlerweile haben Ärzte zum letzten Medikament aus ihrem Arsenal gegriffen - und das Spiel geht weiter: In 36 Ländern, darunter Österreich und Frankreich, wurden Fälle registriert, in denen auch diese letzte Waffe stumpf blieb. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich diese Resistenzen weltweit ausbreiten - und die Krankheit erneut unbehandelbar wird, warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem aktuellen Bericht über Resistenzen.

Der Report listet erstmals detailliert auf, dass Bakterien mittlerweile überall auf der Welt dem Angriff der massenhaft eingesetzten Antibiotika entkommen. WHO-Vizechef Keiji Fukuda spricht bereits von der Gefahr einer "Post-Antibiotika-Ära", in der gewöhnliche Infektionen und kleinere Verletzungen wieder ein Todesurteil bedeuten können.

In Europa machen resistente Krankenhauskeime Probleme

Denn die Resistenzen betreffen auch weit verbreitete Keime, die das Immunsystem gesunder Menschen in Schach halten kann, die jedoch für kranke und geschwächte Menschen zum massiven Problem werden können.

Dazu gehört der Darmkeim Klebsiella pneumoniae, der vor allem bei Krankenhauspatienten tödliche Lungenentzündungen hervorrufen kann. Überall auf der Welt sind Erreger-Varianten dokumentiert, die nicht nur gegen die gängigen, sondern auch gegen Reserveantibiotika resistent sind. In bis zu 54 Prozent der Infektionen bleiben auch die letzten Medikamente wirkungslos, berichtet die WHO. In ähnlichem Ausmaß versagen weltweit Standardantibiotika, die Ärzte gegen die häufig auftretende Harnwegs-Infektion mit E. coli- Bakterien einsetzen.

In Europa bereitet vor allem der mehrfach resistente Krankenhauskeim MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) Probleme. Geraten diese weit verbreiteten Erreger in Harnwege, Lunge oder Wunden, können sie lebensgefährlich werden. Es gibt Einrichtungen, in denen 60 Prozent solcher Infektionen mit Standardmedikamenten nicht mehr behandelt werden können. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Infizierten sterben, liegt nach Einschätzung der WHO etwa 64 Prozent höher als bei Menschen, die sich mit nicht resistenten Staphylokokken angesteckt haben.

Die Organisation hat in ihrem Bericht erstmals Resistenzen gegen neun weit verbreitete Erreger aus 114 Ländern zusammengestellt. Allerdings haben längst nicht alle Staaten komplette Daten geliefert, denn es fehlt vielerorts an Überwachungssystemen. Das ist nicht nur eine Schwachstelle des Reports, es ist auch ein weiteres Problem: Denn wo Resistenzen unbemerkt auftreten, können sie sich besonders gut verbreiten.

"Die Folgen werden verheerend sein"

Doch auch diese unvollständigen Daten alarmieren die WHO: "Die Resistenzen sind da", schreiben die Experten: "Sie haben das Potenzial, jedermann in jedem Alter und in jedem Land zu treffen." Ebenso hat aber auch jeder die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun.

Antibiotika sollten nur dann eingenommen werden, wenn sie wirklich nötig und hilfreich sind. Wer seinen Arzt drängt, ihm wegen einer harmlosen Erkältung Antibiotika zu verschreiben, kann kaum Besserung erwarten, denn banaler Schnupfen und Husten werden durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika machtlos sind. Er riskiert jedoch, Resistenzen den Weg zu bahnen. Denn unter Umständen überleben einige Bakterien, die er ebenfalls mit sich herumschleppt, die Behandlung, weil sie durch Mutationen resistent geworden sind. Diese Exemplare können sich nun besonders gut verbreiten, da ein Teil ihrer Konkurrenz abgetötet wurde.

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Keiji Fukuda warnt: Solange es keine Änderung im derzeitigen Einsatz von Antibiotika gibt, "wird die Welt dieses Hilfsmittel mehr und mehr verlieren. Die Folgen werden verheerend sein."