Weltalzheimer-Bericht Künftig werden 115 Millionen Demente auf der Welt leben

Heute leiden 35 Millionen Menschen an einer Demenz; und schon jetzt bewältigen Familien und Pflegeeinrichtungen die Betreuung nur schwer. 2050 werden es dreimal so viele sein. Gerüstet ist kein Land dafür.

Die Zahl der Demenzkranken wird sich dem neuen Weltalzheimer-Bericht zufolge bis zum Jahr 2050 mehr als verdreifachen: auf 115 Millionen Menschen. Derzeit gebe es weltweit rund 35 Millionen Betroffene, heißt es im Report des Internationalen Alzheimerverbandes in London, dem Zusammenschluss 79 nationaler Gesellschaften. Damit werden Alzheimer oder andere Demenzerkrankungen zu einer der größten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme. Gerüstet sehen die Autoren die Länder dafür noch nicht.

In Deutschland leben zurzeit rund 1,4 Millionen Menschen mit einer Demenz, teilte die Deutsche Alzheimergesellschaft mit. Für das Jahr 2050 geht sie von drei Millionen Betroffenen aus, von denen rund jeder Dritte mehr als 90 Jahre alt ist.

Bereits heute gehört es in Umfragen zu den größten Ängsten der Deutschen, später einmal als Pflegefall zu enden. Unrealistisch sind solche Befürchtungen nicht: Für 2050 rechnen die Autoren des Weltalzheimer-Berichts global mit 277 Millionen hilfsbedürftigen älteren Menschen, die lange Jahre auf Unterstützung angewiesen sein werden. Zum Vergleich: Heute sind es 101 Millionen.

Es sei anzunehmen, dass auch künftig rund die Hälfte der Pflegebedürftigen an Demenz leiden werden - darunter bis zu 80 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, heißt es im Report. In Deutschland liegt die Quote in Altenpflegeheimen heute bei rund 60 Prozent.

Auf all diese Veränderungen habe sich bisher kaum ein Land wirklich eingestellt, heißt es im Report. Es fehle an Langzeit-Strategien und Finanzpolstern. Bereits heute belaufen sich die weltweiten Pflege- und Behandlungskosten für Demenzkranke laut Bericht auf rund 600 Milliarden US-Dollar (448 Milliarden Euro). Das entspreche rund einem Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Und es dürfte mit steigenden Fallzahlen künftig erheblich teurer werden.

"Verglichen mit anderen Langzeit-Pflegebedürftigen brauchen Menschen mit Demenz deutlich mehr Betreuung und Zuwendung", sagt Martin Prince, Psychiater und Mitautor des Berichts von der Londoner Universität King's College. Angehörige müssten deshalb noch besser unterstützt und professionelle Pflegekräfte deutlich besser bezahlt werden.

Die Autoren rechnen auch damit, dass Familien oder Freunde die Pflege Demenzkranker künftig immer schwerer bewältigen können. "Zwei Drittel der Anrufe bei uns kommen jetzt schon von Familien in einer Krise", berichtet Roger Baumgart, Geschäftsführer eines großen Pflegeanbieters in Großbritannien. Für Deutschland sieht Hans-Jürgen Freter, Sprecher der Alzheimer Gesellschaft, ähnliche Trends. "Noch werden zwei Drittel der Demenzkranken zu Hause betreut. Das wird so nicht weitergehen", sagt er. "Künftig gibt es weniger Kinder, die sich kümmern können. Und es gibt mehr ältere Singles."

Deswegen würden deutlich mehr ambulante Dienste und auch mehr Heime oder andere Betreuungsformen wie Wohngemeinschaften benötigt. Vor allem aber müssten sich die Kommunen besser darauf einstellen, angemessen mit Demenzkranken umzugehen. Auch die Bürger müssten einen Blick dafür bekommen, warum jemand vielleicht hilflos herumirre, ergänzte Freter.

Denn Hoffnung auf schnelle Fortschritte in der Medizin gibt es wenig. "Bislang gibt es kein Medikament, das die Alzheimer-Krankheit heilen kann", sagt Isabella Heuser, Psychiaterin an der Berliner Charité und im Vorstand der Hirnliga. Die Euphorie, eine baldige Lösung zu finden, sei verflogen. Heutige Medikamente könnten die Krankheit aber immerhin verlangsamen.