Vollnarkose gegen Angst "Es hat Todesfälle gegeben"

Korrekt angewendet, sind die Risiken gering, sagt Elmar Mertens, Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten. Korrekt heißt laut Rechtsprechung, dass die Narkose in den Händen eines Anästhesisten und einer fachlich versierter Assistenzkraft liegt und der Patient im Aufwachraum von qualifiziertem Personal überwacht wird. Doch nicht immer gewährleisten Zahnärzte die Überwachung. "Es hat Todesfälle gegeben", sagt Mertens. Analysen zeigten, dass in diesen Fällen passierte, was der Anästhesist "den stillen Tod hinter dem Vorhang" nennt: Patienten werden nach der Behandlung allein in einer Ecke der Praxis gelassen. Niemand bemerkt, wenn ihre Atmung aussetzt.

Verlässliche Zahlen zur Häufigkeit von Todesfällen fehlen für Deutschland. Groben Schätzungen aus Nordamerika zufolge kommt ein Todesfall auf 100.000 zahnärztliche Narkosen. Dem gegenüber steht ein fraglicher Nutzen: "Ich kann auch einen Patienten mit Flugangst in Vollnarkose fliegen lassen. Ist das eine Lösung für sein Problem?", kommentiert der Zahnmediziner Hans-Peter Jöhren die Praxis jener Kollegen, die Narkose als Mittel der Wahl anzupreisen.

Jöhren behandelt in der Augusta-Krankenanstalt in Bochum Angstpatienten mit einem Team aus Zahnmedizinern und Psychologen und gilt als einer der wenigen Experten auf dem Gebiet. Ihn stört am Vorgehen der Kollegen vor allem die Alternativlosigkeit, mit der sie die Vollnarkose empfehlen. "Das ist unseriös und entspricht nicht dem wissenschaftlichen Kenntnisstand", sagt der Mediziner.

Die Alternative ist eine psychotherapeutische Behandlung. Bereits 2004 zeigte eine Meta-Analyse, dass die Verhaltenstherapie bei der Mehrzahl der Patienten wirkt. Jöhren, Sartory und Kollegen kamen 2011 in einer Studie zu dem Schluss, dass die kognitive Verhaltenstherapie nicht nur hilft, sondern Narkose und auch Hypnose deutlich überlegen ist. In der Therapie wurden Patienten langsam an die angstbesetzte Situation herangeführt. Gleichzeitig vermittelten die Helfer ihnen Strategien, um die Angst kontrollieren und bewältigen zu können. 70 Prozent der Patienten nützte diese Behandlung - und zwar langfristig, sagt Sartory. "Dagegen lassen sich mit Narkose zwar die Zähne behandeln, nicht aber die Phobie." Spätestens vor dem nächsten Zahnarztbesuch peinigt die Angst die Patienten wie ehedem.

Sartory zufolge ist kein Spezialistentum für die Behandlung einer Zahnbehandlungsphobie vonnöten. "Wir haben Standardmethoden verwendet. Jeder ausgebildete Verhaltenstherapeut beherrscht sie." Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Therapie.