Tuberkulose "Eine Krankheit, die kaum noch zu behandeln ist"

In der historischen Rückschau haftet der Tuberkulose etwas Quasi-Romantisches an. Begüterte Patienten lagen in vornehmen Sanatorien wie etwa auf diesem Foto, das im Jahr 1911 im Kurort St. Blasien aufgenommen wurde.

(Foto: SZ-Photo)
  • Infektionen mit Tuberkulose nehmen weltweit zu. Jedes Jahr gibt es mehr als 10 Millionen neue Fälle der Lungenkrankheit.
  • In Deutschland tauchen jedes Jahr etwa zehn Fälle von "XDR-Tuberkulose" auf, bei denen der Erreger gegen zahlreiche Antibiotika resistent ist.
  • Die Behandlung der resistenten Keime ist äußerst aufwendig und teuer. Patienten müssen monatelang sehr viele auf sie zugeschnittene Medikamente nehmen.
  • Die Bakterien verbreiten sich in winzigen Tröpfchen in der Luft, einmal eingeatmet können sie sich in der Lunge festsetzen.
Von Kai Kupferschmidt

Der Tag, an dem Franz Hagedorn* zusammenbricht, ist der Tag, an dem er sein Studium beginnen sollte. Es ist Herbst 2015, und Hagedorn ist vor Kurzem aus Indien zurückgekommen. Ein freiwilliges soziales Jahr. Auch aus Abenteuerlust, sagt er. In Chennai hat er Englisch unterrichtet und ist in seiner Freizeit durchs Land gereist. Hagedorn ist jung, sportlich. Doch an diesem Morgen steht er auf und kollabiert. Von den nächsten Tagen - Arzt, Krankenhaus, anderes Krankenhaus - bekommt er wenig mit. "Das ist alles sehr schwammig", sagt er. Die Diagnose: Tuberkulose. Ein Mitbringsel aus Indien. Hagedorns Abenteuer ist noch nicht zu Ende, jedoch verwandelt es sich nun in einen Albtraum für den jungen Mann.

Tuberkulose wird von Bakterien verursacht, die die Lunge langsam zersetzen und Patienten dahinsiechen lassen. Trotz der schauderhaften Folgen der Krankheit haftete der Tuberkulose lange etwas Quasi-Romantisches an, das Literaten, Musikern und anderen Künstlern als Inspiration diente. Tatsächlich hat die Tuberkulose wenig Romantisches. Keine Infektionskrankheit tötet mehr Menschen: 1,8 Millionen starben laut Weltgesundheitsorganisation im vergangenen Jahr an der Seuche. Die Bakterien verbreiten sich in winzigen Tröpfchen in der Luft, einmal eingeatmet können sie sich in der Lunge festsetzen. Dort lauern sie Jahre, gar Jahrzehnte. Irgendwann beginnen sie, sich zu teilen. Ganz langsam. E. coli oder andere Bakterien teilen sich im Schnitt alle 20 Minuten. Das Tuberkulosebakterium Mycobacterium tuberculosis teilt sich einmal alle 17 Stunden. In Zeitlupe zerfressen die Keime die Lunge. Ein schleichender Tod.

Monatelang liegt er in der Klinik und nimmt einen Cocktail aus Dutzenden Medikamenten

Franz Hagedorn hat keine normale Tuberkulose. Als seine Ärzte das erste Mal die Testergebnisse sehen, sind sie entsetzt: Das Bakterium ist gegen die beiden wichtigsten Medikamente, Rifampicin und Isoniazid, resistent. Multi-drug resistant, MDR, nennen Ärzte solche Tuberkulose-Erreger. Aber die Liste der Resistenzen geht weiter: Rifabutin, Ethambutol, Moxifloxacin, Levofloxacin, Ofloxacin, Amikacin, Capreomycin, Kanamycin, Prothionamid. Keines dieser Antibiotika kann etwas gegen die Bakterien ausrichten, die sich in der Lunge des junges Mannes ausbreiten. Hagedorn leidet an einer besonders resistenten und gefährlichen Form der Tuberkulose: Extensively drug resistant, kurz XDR-Tuberkulose.

2015 zählte die Weltgesundheitsorganisation erstmals mehr als zehn Millionen neue Tuberkulose-Fälle. Knapp eine halbe Million davon waren multiresistente Keime. Nur etwa ein Zehntel davon sind XDR-Fälle, aber sie bereiten besonders große Probleme. Die Behandlung ist teuer, langwierig und sie kann zu schweren Nebenwirkungen führen. In vielen Ländern fehlen die nötigen Medikamente, ist die Behandlung schlicht zu teuer. Weniger als die Hälfte der Patienten wird geheilt. "Es ist klar, dass diese Erreger sich weiter ausbreiten werden", sagt Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. "Das ist eine Krankheit, die kaum noch zu behandeln ist, und das sollte uns wirklich Sorgen machen." Am Welttuberkulosetag, der an diesem Freitag, 24. März, stattfindet, soll Aufmerksamkeit für die Problematik erzeugt werden.

In Deutschland tauchen pro Jahr nur etwa zehn Fälle von XDR-Tuberkulose auf. Wer sich auf die Suche nach so einem Fall macht, der landet früher oder später in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein: Borstel, 131 Einwohner. Hier befindet sich das Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften. Eine Ansammlung von Backsteingebäuden, 90 Betten, mehr als 500 Mitarbeiter. 1947 als Tuberkulose-Forschungszentrum gegründet, bildet die Krankheit noch immer einen Schwerpunkt der Arbeit des Zentrums. Die Hälfte aller Fälle von XDR-Tuberkulose in Deutschland wird hier behandelt. 2015 kommt auch Hagedorn hierher.

Monatelang liegt er im Krankenhaus und nimmt einen Cocktail aus Dutzenden Medikamenten. Schon eine normale Tuberkulose ist ein Behandlungsmarathon. Die meisten Bakterien bekommen Ärzte mit einer Woche Antibiotika in den Griff. Bei der Tuberkulose muss ein Cocktail von Medikamenten sechs Monate lang eingenommen werden. Bei der XDR-Tb verlängert sich die Behandlung auf 20 Monate. Die Patienten nehmen Tausende Tabletten. Allein die Medikamente kosteten knapp 100 000 Euro, sagt Christoph Lange, der in Borstel arbeitet.

Lange behandelt vermutlich mehr Patienten mit XDR-Tb in Deutschland als irgendjemand sonst. Und ihm stehen dafür in Borstel außergewöhnliche Ressourcen zur Verfügung: Bei jedem Patienten wird das gesamte Erbgut der Bakterien entschlüsselt. Aus kleinen Abweichungen in den etwa 4,5 Millionen Buchstaben und aus aufwendigen Tests im Labor können die Forscher nicht nur herauslesen, welche Antibiotika bei dem jeweiligen Patienten noch helfen können, sondern auch die richtige Dosierung bestimmen. "Das heißt, wir können sehr früh nach Bekanntwerden der Tuberkulose eine maßgeschneiderte Therapie zusammenstellen", sagt Lange. Die Ärzte überprüfen außerdem die Konzentration der Medikamente im Blut des Patienten, um sicherzugehen, dass auch ausreichend davon die Bakterien erreicht. "Diese Kombination ist wahrscheinlich weltweit einmalig", sagt Lange.