Trendsport Yoga und seine Risiken Gereizt, gerissen und verspannt

Yoga kann Schmerzen in Rücken, Kopf und Gelenken mildern. Doch gleichzeitig ist die Liste der Yoga-Verletzungen ähnlich lang wie die Krankengeschichte mancher Profi-Fußballer. Weil die Übungen als sanfter Wohlfühl-Sport gelten, rechnen viele Menschen nicht damit, dass es dabei auch schmerzhaft werden kann. Besonders, wenn eifrige Schüler auf schlechte Lehrer treffen.

Von Katrin Blawat

Zuerst der Sonnengruß. Dann biegt, streckt und faltet sich der Körper zum Herabschauenden Hund, zum Fisch, zur Kobra und Krähe und was das Tierreich sonst noch an Bezeichnungen für strapaziöse Verrenkungen zu bieten hat. Yoga nennt sich das. Wer es trainiert, hofft auf einen beweglicheren Körper, Linderung von Beschwerden, innere Ruhe oder spirituelle Erkenntnis. Vor allem vertraut er darauf, dass die Verrenkungen nicht schaden, sondern guttun.

Welch ein gewaltiger Trugschluss das sein kann, lernen viele Yogis irgendwann unter Schmerzen. Gezerrte Muskeln, gereizte Gelenke, entzündete Nerven und gerissene Bänder: Die Liste der möglichen Yoga-Folgen ist ähnlich lang wie die Krankengeschichte mancher Profi-Fußballer. "Die Yoga-Gemeinde hat lange über das Risiko heftiger Schmerzen geschwiegen", schreibt der amerikanische Journalist William Broad in einem Vorabdruck seines in wenigen Tagen erscheinenden Buches "The Science of Yoga". Broads deutliche Worte empören manche Yogis, die den Autor als ahnungslosen Skandalisierer beschimpfen.

Doch Mediziner, Physiotherapeuten und viele erfahrene Yogis wissen um die Risiken des Trendsports: "Es gibt einen wahren Kern an der These, dass Yoga gefährlich sein kann", sagt Jürgen Steinacker, Leiter der Sport- und Rehabilitationsmedizin der Uniklinik Ulm. "Yoga stellt eine extreme körperliche Belastung dar." Für Angelika Beßler, Chefin des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland, sind die Warnungen nichts Neues: "Gut ausgebildete Yogalehrer wissen um das Risiko, sich zu überfordern."

Gefährdet sind vor allem jene Körperregionen, die für viele Menschen ohnehin zu den Problemzonen gehören: Wirbelsäule, Schulter-, Knie- und Hüftgelenke. Übungen, bei denen man sich stark zurückbeugt wie bei der Kobra und dem Aufschauenden Hund, belasten den unteren Rücken. Wer Schulterstand probt, ohne die Schultern etwas erhöht auf einem Podest abzulegen, riskiert Nackenschmerzen. Und der typische Lotussitz mit gekreuzten Beinen kann zur Qual für die Knie werden, wenn man sie mit großer Anstrengung Richtung Boden drückt. "Häufig werden beim Yoga Bänder, Sehnen und Gelenke überdehnt", sagt Ingo Froböse, der an der Sporthochschule Köln das Institut für Bewegungstherapie leitet.

Im Extremfall leiern die Bänder regelrecht aus und können den Gelenken dann keinen Halt mehr bieten. Statt dass Yoga den Körper kräftigt, können die Übungen ihm auch seine Stabilität nehmen. "Für die Muskeln ist das Risiko geringer, weil sie sich besser an die starke Belastung anpassen können", so der Sportwissenschaftler.

Viele ahnen nicht, dass die Schmerzen vom Yoga stammen

Wie viele Menschen unter schmerzhaften Nebenwirkungen von Yoga leiden, lässt sich kaum sagen. Die verfügbaren Zahlen scheinen zunächst jenen Menschen recht zu geben, die Warnungen vor den Yoga-Risiken für überzogen halten. So sprach die amerikanische Consumer Product Safety Commission im Jahr 2007 von 5500 Fällen, in denen Menschen in den USA mit Yoga-Verletzungen in die Notaufnahme kamen - von schätzungsweise 20 Millionen Yogis.

In Deutschland liegt deren Zahl groben Schätzungen zufolge bei fünf Millionen; Daten über schwere Unfälle gibt es nicht. Ohnehin würden viele Betroffene nicht zum Arzt gehen, wenn nach der Yogastunde der Rücken drückt, sagt Monika Pohl vom Zentralverband der Physiotherapeuten. "Weil Schmerzen oft zeitverzögert auftreten, kommen viele Menschen nicht auf die Idee, dass ihre Beschwerden vom Yoga stammen." Womöglich schämen sich manche Yogis auch, sich während vermeintlich sanfter Übungen verletzt zu haben.

Einzelfallberichte in medizinischen Fachmagazinen beschreiben beschädigte Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen. Bewegt man während der Übungen den Nacken ruckartig und weit nach hinten, kann das zu Schwellungen und Blutgerinnseln in den Adern führen. Im Extremfall droht ein Schlaganfall - auch bei jungen, gesunden Menschen.

Nervenschäden durch den Lotus-Sitz

Zu einem feststehenden Ausdruck ist unter Ärzten die "Lotus-Neuropathie" geworden. In Fachblättern berichten sie von Yogis, bei denen die berühmte Sitzposition mit gekreuzten Beinen den Ischias gereizt oder zu anderen Nervenschäden im Bein geführt hat. Auch Berichte über Patienten, die sich beim Yoga ein Band im Knie rissen, Rippenprobleme oder sogar eine Lungenembolie erlitten, finden sich vereinzelt in der Fachliteratur.

Dass ein anspruchsvolles Training Verletzungen mit sich bringen kann, überrascht eigentlich nicht. Das Problem ist nur: Als solches wird Yoga oft nicht verstanden. Wer Sport treiben will, läuft Marathon oder fährt Rennrad, spielt Fußball oder geht ins Fitness-Studio. Und Yoga? Das betreiben Menschen, die auch mal was für sich tun wollen und mit Seidenmalerei nichts anfangen können. Diesen Eindruck zumindest hinterlassen die Lobeshymnen in Wellness-Zeitschriften, Raus-aus-dem-Stress-Foren und Gesünder-Leben-Ratgebern. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie sich mit den vermeintlich sanften Dehnungen Schaden zufügen können.