Tipps für den Einkauf von Stevia Umweltsünden und Chemie: Längst nicht so "natürlich" wie beworben

Kaum eine Erwähnung des Stevias kommt ohne das Attribut "natürlich" oder "pflanzlich" aus. Die südamerikanische Planze suggeriert angenehmere Vorstellungen, als die üblichen synthetischen Süßstoffe dies vermögen. Doch die Stevia-Süße in den deutschen Läden ist keineswegs das Produkt des paraguayischen Kleinbauern, der unter der warmen Sonne eine jahrhundertelalte Tradition pflegt, um uns mit den wertvollen Blättern zu beglücken. Das Kraut war nach Angaben der Universität Hohenheim auch in Paraguay bis Ende der 90er Jahre wenig verbreitet.

In der EU ist die Pflanze zum Verzehr gar nicht zugelassen, sondern nur der Süßstoff, der in mehreren Schritten aus dem Gewächs extrahiert und anschließend gereinigt wird. "Dabei gehen etwa 90 Prozent der Inhaltsstoffe verloren", sagt Agrarwissenschaftler Kienle. So hochrein, wie der Süßstoff im Handel angeboten wird, kommt er in der Natur nicht vor. Das ist nichts Schlechtes, nur mit der vielgepriesenen Natürlichkeit hat es eben wenig zu tun.

Hinzu kommt: Die Herstellungsmethoden sind unter Umweltaspekten zweifelhaft. Hauptproduzent ist China. "Bei vielen Herstellern ist es fraglich, ob sie in Deutschland überhaupt eine Betriebsgenehmigung erhalten hätten", gibt Kienle zu bedenken. Die Chemikalien zur Herauslösung des Süßstoffes, etwa Aluminiumsalze, werden längst nicht immer umweltschonend entsorgt, sondern mitunter einfach auf den Acker gekippt.

Somit ist auch klar, warum es keine Bio-Steviasüßstoffe gibt. Selbst wenn die Pflanze unter streng ökologischen Methoden angebaut wird, ist ihre Verarbeitung ein so hochchemischer Prozess, dass die Bio-Qualität verloren geht. Anderslautende Behauptungen sind eine "Verhohnepipelung des Verbrauchers", kritisiert Kienle.

Doch warum ist die Pflanze nicht zugelassen? Steckt die Zuckerindustrie dahinter, wie so oft kolportiert wird? Die Erklärung ist simpler: Die Pflanze wurde noch nicht auf ihre Unbedenklichkeit überprüft. Bislang hat sich niemand die Mühe gemacht, die teuren toxikologischen Untersuchungen durchzuführen, die Voraussetzung für eine Zulassung sind.

Selbstanbau ist möglich

Für den Verbraucher heißt das: Wer sich die Pflanzenblätter dennoch besorgt - etwa in Reformhäusern, wo sie als Badezusätze angeboten werden, oder über Internethändler - verzehrt ein Produkt, dessen Wirkungen nicht klar sind.

Kienle rät auch zur Vorsicht, was den Selbstanbau der Pflanze angeht. Prinzipiell kann man Stevia rebaudiana im heimischen Garten oder in Kübeln in der Wohnung anpflanzen. "Sie ist zwar nicht winterhart, ansonsten aber pflegeleicht und kaum anfällig gegenüber Krankheiten und Schädlingen", sagt Christa Lankes, Gartenbauwissenschaftlerin an der Universität Bonn. Die Blätter können frisch oder getrocknet zum Süßen verwendet werden. Wer das Kraut nur privat anbaut und verzehrt, habe keine juristischen Probleme zu befürchten, so Lankes. Kienle weist dagegen darauf hin, dass die Pflanze mittlerweile mehrfach umgezüchtet wurde, es sind also viele unterschiedliche Stevia-Varianten im Umlauf. Welche Inhaltsstoffe sie enthalten, ist kaum untersucht.

Letztendlich sollte man nicht vergessen: Zucker ist ein physiologisch sinnloser Stoff. Der menschliche Körper braucht ihn nicht. Wer darangeht, sich an den Stevia-Geschmack zu gewöhnen, könnte auch einfach versuchen, sich mit weniger süßen Lebensmitteln anzufreunden - und beispielsweise den Durst mit Wasser statt zuckrigen Brausen zu löschen oder die meist viel zu süßen Fruchtjoghurts durch puren Joghurt zu ersetzen. Für das gelegentliche Dessert kann man durchaus auf Stevia zurückgreifen. Zwei Beispiel-Rezepte finden Sie auf der kommenden Seite.