Strategiewechsel bei Masern Kapitulation vor der Impfskepsis?

Wo die Kinder ausreichend gegen Masern geimpft sind.

(Foto: SZ-Grafik: Torben Schnieber; Quelle: Versorgungsatlas)

Misstrauen gegen die Impfung verhindert in Europa den Sieg über die Masern. Nun entwickeln Forscher ein erstes Medikament gegen die hochansteckende Infektion - und müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie im Kampf gegen die Masern resigniert haben.

Von Berit Uhlmann

Viele der Ärzte in New York erkannten nicht, was sie da vor sich hatten. Die Patienten kamen mit rotem Ausschlag, Fieber, Husten und Schnupfen zu ihnen und litten an einer Krankheit, die in den USA offiziell als besiegt gilt: die Masern. Mindestens zwanzig New Yorker sind in den vergangenen Wochen an der Virusinfektion erkrankt. Es war einer der Ausbrüche, wie sie in Nordamerika noch immer und vor allem in Europa regelmäßig vorkommen. Allein in Deutschland infizierten sich im Jahre 2013 fast 1800 Menschen mit dem Erreger, der längst aus der Biosphäre getilgt sein könnte. Doch im Kampf gegen die Masern ist kein Ende abzusehen, was auch der Impfskepsis vieler Menschen in den westlichen Ländern zuzuschreiben ist.

Vor diesem Hintergrund hat es einen seltsamen Beigeschmack, was ein internationales Forscherteam nun im Fachmagazin Science Translational Medicine (online) veröffentlicht hat. Die Wissenschaftler unter Beteiligung des Paul-Ehrlich-Instituts sind auf dem Weg, ein erstes Medikament gegen die Masern zu entwickeln. Der Wirkstoff (kein Impfstoff) soll das Virus daran hindern, sich zu vermehren, indem er ein Enzym, eine RNA-Polymerase, blockiert. Dieses Enzym trägt dazu bei, das Virus-Genom zu vervielfältigen.

Getestet wurde das Mittel bisher lediglich an einem engen Verwandten des Masernerregers, dem Hundestaupevirus, das auch Frettchen befällt und den sicheren Tod für die Tiere bedeutet. Doch die von den Forschern infizierten und mit dem neuen Wirkstoff behandelten Frettchen blieben ausnahmslos symptomfrei und erkrankten auch nach einer erneuten Infektion nicht mehr.

Weltweit sterben noch immer jedes Jahr 150 000 Menschen an den Masern

Als nächsten Schritt wollen die Forscher den Wirkstoff an Affen testen. Ob und gegebenenfalls wann er für Menschen anwendbar sein wird, ist völlig offen. Und doch drängt sich die Frage auf, ob die Arbeit an diesem Medikament nicht auch eine Kapitulation vor einem Virus ist, der in weiten Teilen der Welt längst ausgerottet sein könnte. Europa hatte ursprünglich geplant, 2010 frei von Masern zu sein. Doch "nun ist klar, dass viele europäische Länder auch das neue Ziel verfehlen werden, die Krankheit bis 2015 auszurotten", konstatiert der Studienautor Richard Plemper von der Georgia State University.

Die Entwicklung eines Medikaments sei somit eine Konsequenz des ausbleibenden Erfolgs im Kampf gegen die Krankheit, räumt der Forscher ein. Es sei möglicherweise aussichtsreicher, die Vorbeugung mit der Therapie zu kombinieren, um die Ausrottung der Masern doch noch zu erreichen. Die Forscher hoffen darauf, mit dem Wirkstoff eines Tages Ausbrüche schneller zu stoppen. Er soll denjenigen verabreicht werden, die Kontakt zu einem Erkrankten hatten aber selbst noch keine Symptome zeigen.

Damit sollen auch die dramatischen Verläufe verhindert werden. Was hierzulande oft als harmlose Kinderkrankheit abgetan wird, kann schwere Komplikationen wie Lungen- und Gehirnentzündungen hervorrufen. Weltweit sterben - vor allem in den ärmeren Ländern - noch immer jedes Jahr 150 000 Menschen an den Masern.