Stottern Wenn die Worte im Hals stecken bleiben

Noch immer sind die Ursachen des Stotterns rätselhaft - doch mittlerweile gibt es viele Hilfsangebote für Betroffene.

(Foto: Illustration Jessy Asmus/SZ.de)

800 000 Menschen in Deutschland stottern. Mittlerweile können Betroffene viele Hilfsangebote nutzen, doch nicht jede Therapie hilft.

Von Felix Hütten

Der Stress ist das Problem, zum Beispiel, wenn Gina Ramisch an der Uni Referate halten soll. Dann kommt dieser Moment, den sie ein bisschen fürchtet. Der Moment, wenn ein Wort im Hals stecken bleibt wie ein Pfefferkorn. Es muss da raus, aber es kratzt und will nicht. Und doch: "Ich komme meist ohne Probleme mit meinem Stottern zurecht", sagt die 28-jährige Studentin. Für sie gehört Stottern zum Alltag, Stress manchmal auch. Ramisch hat im Alter von vier Jahren zu stottern begonnen - typisch für das originäre Stottern, das nicht durch ein Trauma oder einen Schlaganfall ausgelöst wird, sondern meist im Kindesalter ohne plötzliches Ereignis beginnt.

Etwa 800 000 Menschen in Deutschland stottern, genauere Zahlen gibt es nicht. Noch immer ist Stottern ein Rätsel für die Wissenschaft, niemand weiß, wie genau das Pfefferkorn da reinkommt in den Hals, wieso Wörter bei Stotterern nicht rauswollen. Lange Zeit haben Mediziner eine psychische Störung vermutet, gespeist durch die Beobachtung, dass es - manchmal - eben doch geht. Auch die Münchner Studentin Gina Ramisch spricht an manchen Tagen flüssiger, vor allem, wenn sie sich unter ihren Mitmenschen wohlfühlt.

Berühmte Stotterer

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Eine aktuelle Leitlinie soll Ärzten und Stotternden nun seriöse Informationen über den Stand der Wissenschaft liefern. Dazu haben die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) und weitere 16 Fachgesellschaften, darunter Neurologen, Pädiater und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, insgesamt 43 Studien zu Ursachen und Therapien des Stotterns analysiert und daraus Empfehlungen für Ärzte und Eltern gewonnen. Wichtigste Aussage der Leitlinie: Originäres Stottern ist keine psychische Störung, und Eltern brauchen sich meist keine Vorwürfe machen.

Genau das tun aber noch immer viele Eltern, wenn ihr Kind zu stottern beginnt. Viele verwechseln Stottern zudem mit einer geistigen Einschränkung oder sehen es als Folge schlechter Erziehung - als seien Betroffene nicht ganz auf der Höhe, als sei die Familie zerworfen, das Kind traumatisiert. Solche Vorurteile konnten sich auch deshalb so lange halten, weil die Wissenschaft bislang wenig Gegenargumente geliefert hat.

Noch immer haben Mediziner nicht genau verstanden, was im Gehirn eines Stotterers passiert. Tests lassen vermuten, dass bei Menschen mit Redeflussstörungen Nervenverbindungen in der linken Hirnhälfte schwächer ausgeprägt sind. Dieser Teil des Gehirns ist für die Planung des Sprechens zuständig. Forscher vermuten, dass Stottern zu 70 bis 80 Prozent vererbt ist - und wohl in hohem Maße mit Veränderungen der Hirnstruktur einhergeht.

Bei drei von vier Kindern verschwindet die Redeflussstörung jedoch wieder von allein. Dieses Phänomen wird als Remission bezeichnet. Aufgrund der hohen Zahl an Spontanheilungen raten Mediziner Eltern stotternder Kinder, nicht in Panik zu verfallen. Bleibt das Stottern bestehen, sind Betroffene dennoch nicht ihrem Schicksal ausgeliefert. Die Autoren der aktuellen Leitlinie betonen, dass eine seriöse Therapie gute Chancen auf Erfolg hat.