"Statistische Analphabeten" Wieso Ärzte Risiken häufig falsch einschätzen

  • Der potenzielle Nutzen eines Tests oder einer Behandlung wird von Ärzten häufig überzeichnet, kritisieren finnische Mediziner.
  • Das könnte an mangelnden Statistikkenntnissen liegen: Viele Ärzte wissen etwa nicht genau, wie sie mit absoluten und relativen Risikoangaben umgehen sollen.
Von Werner Bartens

Wer bestimmt, ab wann sich eine Behandlung für Kranke lohnt? Welchen Nutzen erwarten Patienten, wenn sie einer Therapie zustimmen oder zur Früherkennung gehen? Und wie groß sollte aus Sicht der Ärzte der Vorteil sein, damit Menschen Tabletten schlucken, einer Operation zustimmen oder ihren Lebensstil ändern? Die Erwartung, die sich mit Therapie oder Vorsorge verbindet, wird im Gespräch zwischen Arzt und Patient kaum thematisiert. Wird schon irgendwie helfen. Besser eine kleine Wirkung als keine. So ungenau verlaufen die Argumentationslinien.

Für Patienten kann das gefährlich sein. Zu oft werde der potenzielle Nutzen eines Tests oder einer Behandlung überzeichnet und die Gefahr bei unterlassener Therapie drastisch übertrieben, schreibt Teppo Järvinen von der Universität Helsinki im British Journal of Sports Medicine (online). "Einem Menschen ein ,hohes Risiko' zu attestieren, ist mittlerweile zu einer eigenen Krankheit geworden", so der finnische Arzt. "Auf diese Weise werden Gesunde krank gemacht und krank geredet." Leider seien die meisten Ärzte statistische Analphabeten und würden so wenig wie die Patienten verstehen, was Risikoangaben bedeuten. Sinnvolle Vorsorge werde auf diese Weise hintertrieben.

Ein beliebter Trick: relative statt absolute Risikominderungen angeben

Beispiele gibt es zuhauf. Gerade hat die Osteoporose-Vereinigung der USA die Empfehlung verabschiedet, dass all jene Menschen mit Medikamenten gegen brüchige Knochen behandelt werden sollten, bei denen mit einer Wahrscheinlichkeit von drei Prozent in den kommenden zehn Jahren der Hüftknochen bricht. Nimmt man den Rat ernst, würden in den westlichen Ländern fast drei Viertel aller Frauen jenseits von 65 Jahren und 90 Prozent aller Frauen über 75 mit Arzneimitteln gegen Osteoporose behandelt.

"Ärzte verschreiben enthusiastisch ein neues Osteoporose-Mittel, weil es die Wahrscheinlichkeit, eine Hüftfraktur zu vermeiden, von 97,9 auf 98,9 Prozent erhöht", sagt Järvinen. "Wahrscheinlich wurde das als 50-prozentige Risikominderung angepriesen, um den Nutzen eindrucksvoller aussehen zu lassen." Die relative statt die absolute Risikoreduktion anzugeben, ist ein beliebter Trick, um Effekte aufzubauschen. Im genannten Beispiel wird das Risiko für eine Fraktur absolut von mickrigen 2,1 auf 1,1 Prozent verringert - relativ gesehen sind das stolze 50 Prozent, was sich in der Kampagne für ein neues Präparat ungleich besser macht.

"Wir gehen davon aus, dass Ärzte ausgewogen und kenntnisreich Empfehlungen über das Leben der Patienten abgeben, die vor ihnen sitzen", sagt Järvinen. Leider sei das trotz Medizinstudiums und klinischer Ausbildung meist nicht der Fall. "Führen etwa die Blinden die Blinden?", fragt Järvinen.

In der Tat haben Untersuchungen von Gerd Gigerenzer am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gezeigt, dass die Mehrheit der Ärzte den Unterschied zwischen relativer und absoluter Risikoreduktion nicht kennt und bei der Interpretation von Testergebnissen danebenliegt.

Die Patienten sind der statistischen Ahnungslosigkeit der Ärzte ausgeliefert

So wissen die meisten Ärzte nicht, was es für eine Frau bedeutet, wenn sie nach einer Mammografie erfährt, dass im Röntgenbild "etwas Auffälliges" entdeckt wurde. Gynäkologen gaben irritierende Antworten auf die Frage, ob ein auffälliger Befund auch heißt, dass die Frau Brustkrebs hat. Obwohl ihnen alle Daten zur Genauigkeit der Untersuchung und der Häufigkeit von Fehlalarmen vorlagen, gaben nur 21 Prozent der Frauenärzte die richtige Antwort und erkannten, dass bei einer auffälligen Mammografie nur eine von zehn Frauen Krebs hat. Die Mehrheit der "positiven" Befunde sind Fehlalarme.

Patienten sind diese Mängel ihrer Doktoren nicht bewusst. Dabei erwarten sie einen deutlich höheren Nutzen, wenn sie sich für eine Therapie entscheiden. 2012 zeigte eine Untersuchung, dass Patienten bereit wären, Medikamente gegen Osteoporose zu nehmen - allerdings nur, wenn sich ihr absolutes Risiko für eine Fraktur in den kommenden zehn Jahren dadurch um 40 bis 50 Prozent verringert. Vergleiche mit anderen Therapieverfahren zeigen, dass die Bereitschaft für eine Behandlung bei den meisten Kranken frühestens bei einem zu erwartenden Nutzen von 20 Prozent einsetzt.

"Es gibt zwar lobenswerte Ansätze, die Kommunikation über Vor- und Nachteile in der Medizin zu verbessern", sagt Järvinen. "Doch der Analphabetismus in Sachen Risikoabschätzung ist bei Ärzten wie Patienten immer noch riesengroß." Nur aufgrund dieser Blindheit für die eigentlichen Gefahren sei es den Fachverbänden der Kardiologen möglich gewesen, vor zehn Jahren die Grenzwerte für Blutdruck und Cholesterin so weit zu senken, dass den meisten Erwachsenen ein hohes Risiko angedichtet wurde. "Hätte man sich danach gerichtet, wäre zur Behandlung von Hochdruck und Cholesterin das gesamte Budget im Gesundheitswesen draufgegangen", so Järvinen.

2014 hat Norbert Schmacke mit Marie-Luise Dierks am Beispiel der Mammografie gezeigt, "dass Frauen den Nutzen des Brustkrebs-Screenings massiv überschätzen und die Schadenspotenziale erheblich unterschätzen". Als sie gefragt wurden, wie viele Brustkrebs-Todesfälle verhindert werden, wenn 1000 Frauen ab dem 50. Lebensjahr an der Mammografie teilnehmen, tippten die Teilnehmerinnen im Mittel auf 237 gerettete Leben. Dem Stand der Wissenschaft zufolge sind es drei bis fünf von 1000 Frauen, die nicht an Brustkrebs sterben. Viele gaben an, aus Angst vor der Krankheit von der Früherkennung überzeugt zu sein. Besser als Angst wäre ausgewogene Aufklärung. Sie würde verhindern, dass überzogene Erwartungen entstehen - und manche unnötige Untersuchung einsparen.