Schlafforschung Zuwachs für Lerche und Eule

Lerche und Eule heißen die beiden klassischen Schlaftypen. Doch Forscher glauben mittlerweile, dass die beiden Vogelmetaphern der Komplexität des Schlafens nicht gerecht werden - und benennen zwei neue Schlaftypen.

Von Patrick Illinger

Die einen springen morgens früh aus den Federn und sind sogleich fit wie ein Turnschuh. Die anderen laufen Abends zu Hochform auf, sind bis Mitternacht produktiv, kommen morgens aber nur mit größter Mühe in die Puschen. Seit Jahren unterscheiden Schlafforscher zwischen diesen beiden Menschentypen, der Anschaulichkeit halber oft als "Lerchen" und "Eulen" bezeichnet. Berühmte Beispiele werden zitiert, der Denker und Langschläfer René Descartes zum Beispiel starb einige Monate nachdem ihn Christina von Schweden im Jahr 1649 an ihren Hof geholt und um fünf Uhr morgens zu philosophischen Disputen genötigt hatte. Und der Physiker Erwin Schrödinger verbat sich Vorlesungen am Vormittag, als ihm die Universität Berlin die Nachfolge von Max Planck anbot.

Doch die moderne Schlafforschung zeigt: Die beiden Vogelmetaphern werden der Komplexität der Sache nicht gerecht. Der Variantenreichtum an Schlaf-Wach-Kombinationen ist offenbar größer als bislang vermutet. Mindestens zwei weitere Versionen meint der russische Schlafforscher Arkady Putilov vom Institut für Molekulare Biologie und Biophysik in Novosibirsk bei Experimenten mit Probanden entdeckt zu haben. Demnach gibt es Menschen, die morgens wie abends alert sind und solche, die zu beiden Tageszeiten mit einer gewissen Lethargie zu kämpfen haben. Das berichtet er in einer demnächst in der Zeitschrift Personality and Individual Differences erscheinenden Publikation.

Das interessante dabei: Die ständig Fitten sind nicht, wie man denken könnte, durchwegs Typen wie Napoleon, die schlicht wenig Schlaf brauchen. Tatsächlich weichen die Netto-Schlafzeiten im Mittel nur um etwa 30 Minuten ab. Man findet unter Kurzschläfern ebenso wie unter Langschläfern Menschen, die morgens und abends fit beziehungsweise schlapp sind.

Putilov behauptet, die Frage, wie man tagsüber funktioniert, hänge bei diesen Typen weder vom Schlafrhythmus noch von der Qualität und Dauer des Schlafes ab. "Es gibt Menschen, die trotz Schlafmangels morgens wie abends höchst alert sind", sagt der Forscher. Und solche, die nach mehr als acht Stunden Schlaf durchhängen. Die Fähigkeit zum Wachsein scheint eine individuelle Eigenschaft zu sein, so wie die davon unabhängige Fähigkeit, guten Schlaf zu finden.

Für seine Studie untersuchte Putilov mit seinem Team 130 Probanden, die im Labor 24 Stunden im Wachzustand verbrachten und während dieser Zeit regelmäßig Tests absolvierten sowie Fragebögen ausfüllten. Alle drei Stunden wurden die Hirnströme gemessen und die subjektiv empfundene Müdigkeit abgefragt. Die übrige Zeit verbrachten die Testpersonen mit Spielen, Lesen, Internet und leichten Speisen. Alkohol und Kaffee war tabu.

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Dabei zeigte sich einerseits ein klarer Unterschied zwischen klassischen Eulen und Lerchen, die je um neun Uhr abends sowie um neun Uhr morgens munterer waren als andere. Es zeigte sich auch eine energiereiche Gruppe von 25 Probanden, die sowohl um neun Uhr morgens als auch gegen Mitternacht fit war; und eine Gruppe von 32 Probanden, die zu beiden Tageszeiten mit einer gewissen Lethargie kämpfen hatte. Diesen blieb aber ein kleiner Trost: Sie erreichten in der Tagesmitte einen höheren Grad des Wachseins als die anderen.