Schlaf und Entspannung Liegen lernen

John Lennon und Yoko Ono in ihrem Bett in einem Amsterdamer Hotel im Jahr 1969: Eine ungewöhnliche Art für Frieden zu demonstrieren.

(Foto: Getty Images)

Leistungsverweigerung, Schlafapnoe und Rückenweh - rund ums Schlafen und Ruhen ranken sich Ängste und Bedenken. Es ist also höchste Zeit für eine Hymne auf die horizontalen Lebensformen. Ein Plädoyer für das Lümmeln.

Von Werner Bartens

Der Niedergang einer wunderbaren Kulturtechnik ist zu beklagen. Das Liegen, einst Inbegriff für kreatives Innehalten wie lustvollen Müßiggang, ist in Verruf geraten. Denn gesprochen wird über die Kunst der Horizontalen fast nur noch als Bedrohung für Leib und Seele.

Was droht nicht alles an Gebrechen und Schicksalsschlägen, wenn die Ruheposition in der falschen Lage, in falscher Gesellschaft oder mit der falschen Gesinnung eingenommen wird? Groteske Verformungen des Kopfes, fiese Krankheiten und zerrüttete Beziehungen können die Folge sein. Schon der Säugling droht durch die falsche Lage am plötzlichen Kindstod zu sterben, für Jugendliche ist die liegende Position gar aller Laster Anfang. Zudem ist im Liegen die Gefahr besonders groß, von Hausstaubmilben geentert und schutzlos diversen Allergien, der Schlafapnoe und dem unerwarteten Herztod ausgeliefert zu sein.

Richtig liegen will wohl gelernt sein. Wie gut, dass der Autor Bernd Brunner in seinem ebenso heiteren wie nützlichen Brevier in "Die Kunst des Liegens" (Galiani, Berlin) einführt. Sein "Handbuch der horizontalen Lebensformen" ist eine vergnügliche Kultur-, Sitten- und Medizingeschichte, die vor allem an die angenehmen Seiten des Liegens, Lümmelns und Lagerns erinnert. Schließlich hat schon der grandiose Alltagsingenieur Groucho Marx gewusst: "Was man nicht im Bett tun kann, ist es nicht wert, getan zu werden."

Brunner will sich nicht einengen lassen und hegt deutliche Sympathien für eine gewisse Freizügigkeit der Liegeformen und -positionen. Er zeigt, wie vergeblich und zumeist auch widersinnig alle Versuche waren, das Liegen über Jahrhunderte zu reglementieren und zu disziplinieren.

Schließlich hat sich die Hypothese des Anatomen Andreas Vesalius, Leibarzt von Karl V., nicht bewahrheitet, dass die Deutschen angeblich deshalb so einen platten Hinterkopf hätten, weil die Kinder im strengen Germanien in den ersten Monaten auf dem Rücken schlafen müssten. Der angeblich besonders lange Kopf der Belgier resultiere hingegen daraus, so Vesalius, dass der Nachwuchs dort auf der Seite gelagert werde. Auch diese Annahme konnte bisher nicht wissenschaftlich bestätigt werden.

Immer noch unterschätzt und von Arbeitgebern viel zu wenig gefördert wird das, was Brunner den "horizontalen Arbeitsplatz" nennt. Während in einige Büros zwar Stehpulte Einzug gehalten haben, verfügen doch die wenigstens Angestellten über bequeme Liegemöbel. Falls doch, dann höchstens zur kurzen Ruhepause, um nach einem Power-Nap umso gestärkter und erholter in die nächste - natürlich sitzende - Arbeitsrunde gehen zu können.

Was für eine Verschwendung von Ressourcen! Um wie viel gelassener fiele mancher Geschäftsbrief aus, um wie viel ausgeruhter wären Artikel, Projektskizzen und wohl selbst Gesetzesvorlagen, wenn sie im Horizontalen erdacht und formuliert worden wären.

Diese Behauptungen entspringen keineswegs der Phantasie von Müßiggängern. Schließlich hat auch die Medizin dazulernen müssen. Frühere Streck- und Richtverfahren, die oftmals an Folterinstrumente erinnern, dienten allenfalls der Disziplinierung einer ungezogenen Jugend. Besonders Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808-1861) hat sich hier hervorgetan und seine wie auch viele Kinder nachfolgender Generationen mit den von ihm ersonnenen "Geradhaltern" und "Kinnbändern" traktiert.